Die Geisterstunde - Epikurier

Die Geisterstunde

Was für ein wunderschöner Tag! Endlich konnten die Sommerferien beginnen: Auf einem Reiterhof, mit vielen Pferden, draußen in der Natur, weit weg von der Großstadt mit den vielen Autos und dem Lärm und den Abgasen. Weit weg war auch die Schule und die Eltern würden ohne Nicki zurückfahren. Endlich war sie so richtig ein großes Mädchen, das ohne Eltern, allein, in die Ferien fahren durfte.

 

Nicki holte tief Luft, atmete die gute Landluft ein: Es roch nach Pferden, nach Heu, nach Sommerhitze und sie war unglaublich aufgeregt. Viele Mädchen in ihrem Alter waren auch schon da, einige standen ein wenig unglücklich da, aber die meisten wuselten zwischen den Erwachsenen, den Autos und Koffern, den anderen Kindern, ziemlich zappelig herum. Nur wenige Jungs waren da, aber das interessierte Nicki sowieso nicht. Jungs waren nur nervig, sie wollte reiten lernen und nur Pferde waren für sie interessant!

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Endlich kamen die Besitzer der Reitschule, Herr und Frau Möller, auf den Hof und begrüßten alle sehr herzlich. Jedes Kind wurde einzeln nach seinem Namen gefragt und die beiden Reitlehrer hießen Daniela und Markus. So wollten sie auch genannt werden, alle duzten sich auch sogleich. Das gefiel Nicki sehr, nicht so wie in der Schule, wo man die Lehrer mit „Sie“ und Nachnamen anreden sollte!

 

Als dann alle Eltern wieder abgefahren waren, ging es erst richtig los. Alle wurden mit Namen aufgerufen, lernten sich kennen, wurden in die einzelnen Zimmer verteilt und Nicki freute sich, weil das Mädchen in ihrem Zimmer gleich alt war, 9 Jahre, und auch aus München kam. Sie hieß Klara und schien sehr nett zu sein. Sogleich schwätzten sie miteinander und hörten fast nicht, was Daniela ihnen noch so alles mitteilte. Dann ging es auf die Zimmer, auspacken und fertigmachen zum Abendessen.

 

Danach durften die Kinder bis neun Uhr alle machen, was sie wollten und da wurde es auch schon dunkel. Ab 21:30 begann die „Geisterstunde“. Dies hatte Nicki schon von ihrer Freundin gehört, welche letztes Jahr auch auf diesem Reiterhof gewesen war.

 

Pünktlich waren Nicki und Klara am Sammelpunkt vor der Kellertür. Denn: Bei der „Geisterstunde“ musste man in den Keller gehen! Vorher bekamen alle Kinder kleine Taschenlampen.

 

Es ging eine kleine Treppe in den Keller hinab, da hörten sie schon gruselige Geräusche: Erst knurrte etwas, dann schien es, als schliche jemand herum, laute Atemgeräusche, Grunzen und tiefer Husten waren zu hören. Nicki konnte sich fast nicht orientieren, so finster war es. Aus dem Keller führte eine Türe in den Garten und alle Kinder schlichen leise, einige mit Bauchgrimmen vor heimlicher Angst, dicht hintereinander hinaus. Die Bäume im Garten waren dunkle Gestalten und die kleinen Lichter waberten durch das Dunkel.

 

Nicki spürte plötzlich, dass irgendetwas über ihr Gesicht strich, auf einmal wusste sie, was gleich kommen würde, alles war ihr so bekannt! Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah! Sie atmete tief ein, einmal, zweimal und dann geschah es: Ein Schrei zerriss die Stille und Nicki stürzte mit der Taschenlampe zu Boden. Ihre Nachbarin erschrak fürchterlich, einige Kinder rannten in Panik weg, nur weg. Andere liefen zu Nicki, die plötzlich verkrampft, sich schüttelnd und keuchend auf dem Boden lag. Auch Daniela und Markus rannten sofort zu ihr und versuchten, sie aufzurichten. Doch Arme und Beine von Nicki zuckten, schlugen um sich und um ein Haar hätte sie Markus ins Gesicht geschlagen. Er ließ sie sofort los und sagte aufgeregt und mit sehr ernstem Gesicht: „Das ist ein epileptischer Anfall“. Alle wurden jetzt ganz still vor Schreck. Was war das denn, ein „epileptischer Anfall“? Nie davon gehört!

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Daniela wählte die Nummer des Notarztes, aber jetzt wurde Nickis Zucken und Krampfen weniger, sie atmete noch immer keuchend und tief, aber auch das wurde langsam leiser. Nach wenigen Minuten atmete Nicki wieder normal und schlug die Augen auf. Was war denn nur mit ihr? Wo war sie? Sie erkannte niemanden und fing zu weinen an. Sie fühlte sich so verloren, so verlassen, unter so vielen fremden Menschen, an einem fremden Ort. Arme und Beine taten ihr weh, sie versuchte sich aufzurichten. Markus beruhigte sie und schickte die Kinder wieder zurück ins Haus. Daniela sollte mit ihnen gehen. „Es ist jetzt vorbei, Nicki geht es gut“, sagt er zu den Anderen. „Gleich kommt der Arzt und dann wissen wir, was ihr fehlt“. Markus nahm sie in den Arm und erklärte ihr, dass in ihrem Kopf, im Gehirn, wohl ein kleines Gewitter gewesen sei. So mit Blitz und Donner. Deshalb sei sie gestürzt und jetzt wäre aber alles wieder gut. Der Doktor würde sie jetzt untersuchen und dann würden sie die Eltern anrufen und vielleicht könnte sie dann nach Hause fahren. Nicki weinte noch immer. Nach Hause? Sie wollte doch reiten lernen, hier bleiben, Ferien haben. Und dann nach Hause?

 

Aber jetzt kam erst einmal der Notarzt und nahm Nicki mit in die Klinik. Dort wurde ihr Kopf an einen Apparat angestöpselt, das tat überhaupt nicht weh, war sogar irgendwie ganz lustig. Nicki konnte sich im Spiegel ansehen, wie sie wie ein Igel mit den vielen Stöpseln an den Haaren aussah. Sehr bald wussten die Ärzte, was ihr fehlte: Sie hatte wirklich eine Epilepsie.

 

Auch die Eltern kamen dann, ganz aufgelöst vor Sorge, aber die Ärzte beruhigten sie und erlaubten, dass Nicki nochmal zurück zum Reiterhof fahren durfte.

 

Reiten durfte Nicki aber leider nicht mehr, nur zuschauen, einen Tag lang. Und ihre Eltern waren immer bei ihr. Am dritten Tag fuhr Nicki dann mit ihren Eltern zurück nach München. Traurig, aber ihr war erklärt worden, dass sie in einer Klinik Medikamente bekommen würde, die ihr helfen sollten, dass so ein Anfall nicht mehr kommt. Und wenn Nicki alle Tabletten brav nimmt, sagten sie, dann könnte sie wohl im nächsten Jahr, wenn kein weiterer Anfall mehr aufgetreten wäre, nochmal zum Reiterhof fahren und reiten lernen.

 

Aber die „Geisterstunde“ wollte Nicki nie mehr mitmachen. Denn damit hatte ja alles angefangen!!

 

Regina von Wendland

Auch diese schöne Geschichte stammt aus unserem Autorenwettbewerb „Schreib‘ mal was“ mit Kurzgeschichten rund um das Thema Epilepsie.