Epilepsie und Hormone

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Vielfältige gegenseitige Beeinflussungen bekannt, aber häufig unterdiagnostiziert

 

Einleitung

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen. Die heutzutage verfügbaren therapeutischen Möglichkeiten führen in der Mehrzahl der Patienten (ca. 2/3) zu einer dauerhaften Anfallsfreiheit bei meist guter Verträglichkeit. Ein weiterer großer Vorteil der modernen anfallssuppressiven Medikamente (ASM) ist zudem ihr sogenanntes geringes Interaktionspotential, d. h. andere Medikamente und körpereigene Stoffe (u. a. auch Hormone) werden nur wenig bis kaum beeinflusst. Da die Epilepsie jedoch in den überwiegenden Fällen eine lebenslange chronische Erkrankung darstellt, sind die meisten Betroffenen auf eine dauerhafte Therapie angewiesen. Der Hormonhaushalt des Menschen ist insbesondere beim weiblichen Geschlecht komplex und es sind vielfältige Einflüsse sowohl der Epilepsie auf den Hormonhaushalt als auch des Hormonhaushalts auf die Epilepsie bekannt und zahlreich in der Literatur beschrieben.

 

Dieses Thema ist allerdings vielen Patienten und auch Ärzten in weiten Teilen nicht hinreichend bekannt und meist besteht bei beiden Parteien zudem eine gewisse Scham, bestimmte Themen anzusprechen. Der vorliegende Artikel soll einen Überblick über die wichtigsten Aspekte des Themas Epilepsie und Hormone verleihen, wobei der Fokus auf den Sexualhormonen liegt.

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Einfluss der Epilepsie auf die Hormone

Es ist allgemein bekannt und in der Literatur gut beschrieben, dass Hormonstörungen bei Frauen und Männern mit einer Epilepsie häufiger auftreten verglichen mit Menschen ohne diese Erkrankung. Frauen haben im Vergleich zu Männern einen komplexeren Sexualhormonhaushalt, was möglicherweise auch die Erklärung dafür ist, dass bei Frauen vielfältigere Störungen im Rahmen einer Epilepsie bekannt sind. Frauen mit einer Epilepsie haben im Vergleich zur Normalbevölkerung häufiger Zyklusstörungen, zudem kommt es vermehrt zu einem früheren Auftreten der Menopause. Weiterhin ist bei ihnen häufiger das sogenannte polyzystische Ovarialsyndrom (PCO) beschrieben. Bei dieser Erkrankung kommt es, wie der Name schon sagt, zu einer Bildung von zahlreichen Zysten im Bereich der Eierstöcke. Die betroffenen Frauen leiden i. d. R. unter Zyklusstörungen (meist komplett ausbleibende oder deutlich reduzierte Regelblutungen) und zudem unter einer vermehrten Bildung von männlichen Sexualhormonen mit entsprechenden unerwünschten Konsequenzen (u. a. vermehrter Bartwuchs). Diagnostizieren lässt sich das PCO mittels einer Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke und entsprechenden Hormonbestimmungen im Blut. Alle genannten Hormonstörungen bei der Frau kommen häufiger bei fokalen Epilepsien vor. Unter den fokalen Epilepsien scheinen die sogenannten Schläfenlappenepilepsien (auch Temporallappenepilepsien genannt) besonders anfällig für Hormonstörungen zu sein, was möglicherweise daran liegt, dass der Schläfenlappen zahlreiche Faserverbindungen zum Hormonzentrum des Gehirns (Hypothalamus und Hypophyse) aufweist.

 

Bei Männern mit Epilepsie sind, verglichen zur Normalbevölkerung, häufiger eine verminderte Libido und eine erektile Dysfunktion (umgangssprachlich Potenzprobleme) beschrieben. Weiterhin kann es zu Veränderungen der Spermienqualität kommen. Meist sind diese Störungen durch einen reduzierten Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron verursacht und auch bei Männern sind insbesondere die Schläfenlappenepilepsien häufiger mit entsprechenden Symptomen vergesellschaftet – aus den gleichen Gründen wie oben beschrieben.

 

Therapeutisch sind die genannten Hormonstörungen bei beiden Geschlechtern ursächlich nur begrenzt angehbar, gegebenenfalls kann bei Männern ein zugrunde liegender Testosteronmangel medikamentös ausgeglichen werden. Selbst bei einer guten Einstellung der Epilepsie mit ASM bessern sich hormonelle Störungen häufig nur unzureichend, möglicherweise bedingt durch fortbestehende pathologische Entladungen des Gehirns auch bei anfallsfreien Patienten (sogenannte interiktale Aktivität). Interessanterweise verringern sich Hormonstörungen häufig nach einer erfolgreichen operativen Therapie der Epilepsie, was vor allem Patienten mit Schläfenlappenepilepsien bedenken sollten, da diese Epilepsieform häufig chirurgisch gut behandelbar ist, falls mit einer medikamentösen Therapie keine Anfallsfreiheit erreicht werden kann.

 

Zuletzt sollte nicht unerwähnt bleiben, dass alle erwähnten Hormonstörungen auch bei Patienten mit Epilepsie viele andere Ursachen haben können, z. B. Nebenwirkungen bestimmter Medikamente (Betablocker, Antidepressiva etc.), und dass daher eine sorgfältige Ursachenabklärung über den behandelnden Hausarzt und gegebenenfalls spezialisierte Fachärzte (Gynäkologe/Urologe) erfolgen sollte, bevor ein ursächlicher Zusammenhang mit der Epilepsie angenommen wird.

Einfluss der Hormone auf die Epilepsie

Neben dem gerade beschriebenen Einfluss der Epilepsie auf den Hormonhaushalt ist es auch möglich, dass die Hormone, hier vor allem die Sexualhormone, einen Einfluss auf die Anfallsaktivität bei Patienten mit Epilepsie haben. Während dies bei Männern in der Regel kaum eine Rolle spielt, können die zyklusbedingten Schwankungen der Sexualhormone bei der Frau einen wesentlichen Einfluss auf die Anfallshäufigkeit zeigen. Bei betroffenen Frauen wurde hierfür der Begriff der sogenannten katamenialen Epilepsie eingeführt. Abbildung 1 fasst schematisch den möglichen Einfluss des weiblichen Hormonzyklus auf die Epilepsie zusammen.

 

Während des weiblichen Zyklus spielen vor allem zwei Hormone eine entscheidende Rolle, zum einen das Östradiol und zum anderen das Progesteron. Ersteres wirkt bei vielen Frauen mit Epilepsie anfallsfördernd, sodass es plausibel erscheint, wenn betroffene Frauen um den Eisprung herum, währenddessen es zu einem deutlichen Anstieg des Östradiol-Spiegels kommt (um Zyklustag 12-16), vermehrt unter epileptischen Anfällen leiden. Das Progesteron hingegen wirkt in der Regel anfallshemmend und wird vor allem in der zweiten Zyklushälfte (der sogenannten Gelbkörperphase) vermehrt gebildet. Kommt es nun mit der Regelblutung zu einem raschen Abfall des Progesterons, so entfällt auch dessen anfallshemmende Wirkung, was wiederum zu vermehrten Anfällen während der Regelblutung führen kann (Zyklustage 1-4 des nächsten Zyklus).

 

Die klinische Erfahrung zeigt, dass tendenziell mehr Frauen unter der Anfallszunahme während der Regelblutung leiden als während des Eisprungs. Therapeutisch ist diese zyklusbedingte Anfallszunahme zwar meist beeinflussbar, die Behandlung hat aber nicht selten (wie so oft) eigene Nebenwirkungen. Eine Möglichkeit besteht z. B. darin, eine orale hormonelle Kontrazeption (sogenannte Pille) durchgehend ohne Pillenpause einzunehmen, was die Hormonschwankungen deutlich abschwächt und in der Regel auch zu einer Besserung der zyklusbedingten Anfälle führt. Die Einnahme einer Pille hat auf der anderen Seite die bekannten Nebenwirkungen (u. a. Thromboserisiko), die sich bei einer durchgehenden Einnahme möglicherweise noch verstärken können.

 

Eine weitere Option ist, während der kritischen Phase (also während des Eisprungs oder während der Blutung) ein zusätzliches ASM vorübergehend einzunehmen, um hierdurch den Anfallsschutz zu erhöhen. Als wirksam hat sich in einigen Studien das Medikament Clobazam erwiesen, wobei auch hier auf die möglichen Nebenwirkungen zu achten ist wie vermehrte Müdigkeit und ein gewisses Abhängigkeitspotential. Zu guter Letzt können manche Frauen, die vor allem unter dem Abfall des Progesterons leiden (also vermehrt Anfälle während der Regelblutung), von einer Substitution des Progesterons in Tablettenform während der zweiten Zyklushälfte profitieren.

Alle genannten therapeutischen Möglichkeiten sollten betroffene Patientinnen mit dem behandelnden Neurologen und Gynäkologen absprechen, um ausreichend über Chancen und Risiken einer entsprechenden Behandlung aufgeklärt zu werden. Zum Abschluss ist festzuhalten, dass sich eine katameniale Epilepsie meist mit dem Eintritt der Menopause deutlich bessert. Auf der anderen Seite sollte bei Patientinnen mit Epilepsie eine mögliche Hormonersatztherapie (z. B. zur Linderung von menopausalen Beschwerden) mit Vorsicht eingesetzt werden, da diese wiederum Anfälle fördern kann.

 

Fazit

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es vielfältige Einflüsse sowohl der Epilepsie auf Hormone als auch der Hormone auf die Epilepsie gibt, wobei diese Ärzten und Patienten häufig nicht in allen Details bekannt sind und deshalb in vielen Fällen im Patientengespräch untergehen oder möglicherweise aus Scham nicht angesprochen werden. Dieser Artikel soll Betroffene ermutigen, entsprechende Beschwerden aktiv anzusprechen, um eine geeignete Ursachenabklärung und gegebenenfalls Therapie einzuleiten.

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Jan Wagner

 

Kontakt:

PD Dr. med. Jan Wagner
Universitätsklinik für Neurologie
Universitäts- und Rehabilitations-
kliniken Ulm

Oberer Eselsberg 45

89081 Ulm

jan.wagner(at)rku.de

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