Formen der ketogenen Ernährungstherapie

Abbildung 1: Die verschiedenen ketogenen Diäten im Vergleich zur Normalkost

Die ketogene Ernährungstherapie (KDT) ist ein Oberbegriff, der eine Gruppe von fettreichen, kohlenhydratarmen sowie eiweißbilanzierten Ernährungsformen beschreibt, die den metabolischen Zustand des Fastenzustandes imitieren. Zu den anerkannten Indikationen für KDT zählen pharmakoresistente und schwer behandelbare Epilepsien im Kindes- und Jugendalter sowie bei Erwachsenen.


Es gibt fünf Versionen der KDT zur Behandlung von Epilepsie: Die ursprüngliche, heute als klassische ketogene Diät (kKD) bekannte Diät, gefolgt von neueren Varianten wie der modifizierten ketogenen Diät (MKD), welche in UK angewendet wird, der Mittelkettigen Triglycerid Diät (MCT-KD), der modifizierten Atkins-Diät (MAD) und der Low Glycemic Index Treatment (LGIT).

Abbildung 2: Low and slow Methode nach Jennifer Fabe

kKD: Klassische Ketogene Ernährungstherapie

Die klassische Ketogene Diät (kKD) wurde erstmals 1921 in der medizinischen Fachliteratur als Behandlung für Epilepsie bei Kindern beschrieben. Sie basiert auf einem Verhältnis von ketonproduzierenden Lebensmitteln (Fett) zu Lebensmitteln, die die Ketonproduktion reduzieren (Kohlenhydrate und Proteine). Dieses Verhältnis bezeichnet man als ketogenes Verhältnis (KQ) z. B. 2:1. Für eine optimale Anfallskontrolle benötigen manche Menschen ein niedriges Verhältnis von 1:1, andere ein höheres Verhältnis von 3:1. Positiv hat sich hier die »Low and Slow Methode« erwiesen: Allmähliche Reduzierung der Kohlenhydrate mit langsamer Erhöhung der Fettaufnahme über mehrere Wochen hinweg (KQ 1:1 -> 1,5:1 -> etc., siehe Abb. 2). Vorteil: Minimierung der Nebenwirkungen von Hypoglykämie, Übelkeit, Erbrechen, Azidose und Hyperketose.

 

Bei einem KQ 3:1 werden 87 % der Energie durch Fett bereitgestellt, bei 4:1 sind es 90 %. Hierbei sollten mehrfach und einfach ungesättigte Fette (pflanzliche Fette wie Oliven, Nüsse, Raps, Avocado, Saaten) stark bevorzugt werden. Gesättigte Fette, welche vor allem in tierischen Produkten wie Butter, Sahne, Mascarpone, Wurst und Käse vorkommen, sollten nur eingeschränkt verwendet werden.


Bei einer kKD ist insbesondere auf die altersgerechte Proteinzufuhr zu achten. Diese wird durch eine Quelle mit hoher biologischer Wertigkeit wie Tofu, Tempeh, Fisch, Eier, Milchprodukte bzw. ungesüßte, angereicherte Sojamilchalternativen sowie Fleisch bzw. kohlenhydratarme Fleischalternativen bei jeder Mahlzeit bereitgestellt. Kohlenhydrate sind stark eingeschränkt; stärkehaltige Lebensmittel sind nicht erlaubt. Die Hauptquellen sind eine begrenzte Portion kohlenhydratarmer Gemüse- oder Obstsorten. Auf eine ausreichende Ballaststoffzufuhr ist zu achten.

Abbildung 3: Beispiel veganer, ketogener Tagesplan
Omelette, Burger, Tiramisu im Glas, Nuggets

MCT-KD : Ketogene Ernährungstherapie mit MCT

Die ketogene Diät mit mittelkettigen Triglyceriden (MCT) wurde in den 1970er Jahren als Alternative zur kKD entwickelt. MCT werden vom Körper effizienter aufgenommen und transportiert als andere Fettarten. Sie liefern mehr Ketone pro Einheit der Nahrungsenergie. Daher wird bei der MCT-KD weniger Gesamtfett benötigt, sodass mehr protein- und kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel aufgenommen werden können (entspricht einem niedrigen KQ 1,1:1). Die ursprüngliche MCT-KD enthielt eine höhere Energiemenge aus MCT (70 % der Gesamtfettmenge). Dies führte jedoch bei einigen Kindern zu Magen-Darm-Problemen, sodass eine modifizierte Version mit weniger MCT (ca. 30 % der Gesamtfettmenge) entwickelt wurde. MCT werden zur besseren Verträglichkeit langsam über Wochen eingeschlichen. MCT sollte in allen Mahlzeiten und Snacks enthalten sein. Es wird in Form von Öl oder Emulsion verabreicht, die beide auf ärztliche Verschreibung erhältlich sind. Die restliche Energie in der MCT-KD wird aus Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten aus Lebensmitteln bereitgestellt. Größere Portionen an Kohlenhydraten ermöglichen eine größere Lebensmittelauswahl und eine bessere Compliance.


Zusammenfassung:

Sowohl die kKD als auch die MCT-KD erfordern eine strenge Berechnung der Nahrungsaufnahme und das Abwiegen aller Lebensmittel. Der Ernährungstherapeut berechnet einen individuellen KQ auf der Grundlage des Energie- und Proteinbedarfs. Diese wird wahrscheinlich mit einem niedrigeren Verhältnis oder MCT-Gehalt begonnen und über einige Tage hinweg je nach Verträglichkeit gesteigert. Aus dieser Verordnung können Rezepte entwickelt werden. Dies geschieht in der Regel mit Hilfe eines Computerprogramms. Aufgrund der Einschränkungen der kKD und der MCT-KD ist eine Vitamin- und Mineralstoffergänzung erforderlich. Diese wird vom Ernährungstherapeuten nach Bewertung des individuellen Bedarfs und der Nahrungszufuhr verschrieben. Die Diäten müssen kontinuierlich sorgfältig angepasst werden, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

MAD: Modifizierte Atkins Diät

Im Jahr 2003 entdeckte das Team des Johns Hopkins Hospital in Baltimore, USA, dass eine modifizierte Version der beliebten Atkins-Diät zur Gewichtsreduktion einen ketogenen Stoffwechsel hervorrufen und die Anfallssituation bei Epilepsie beeinflussen kann. Bei einer MAD ist die Kohlenhydratzufuhr anfangs auf 10 g pro Tag für Kinder und 20 g pro Tag für Erwachsene beschränkt. Die Fettzufuhr sollte bei 65 % der Tagesenergiezufuhr liegen. Proteine sind – vorerst – uneingeschränkt erlaubt. Jedoch sollte auch hier die altersentsprechende Eiweißmenge im Blick behalten werden, um den Effekt der Gluconeogenese (Senken der Ketose aufgrund erhöhter Eiweißzufuhr) nicht aus den Augen zu verlieren. Der KQ sollte im Bereich von 1,1:1–1,8:1 liegen. Es gibt keine Kalorienbeschränkung (diese wird entsprechend den Gewichtsveränderungen angepasst). Vitamin- und Mineralstoffzusätze sind erforderlich.

LGIT: Low Glycemic Index Treatment

Im Jahr 2002 begann das Team des Massachusetts General Hospital in Boston, USA, mit der Anwendung einer neuartigen modifizierten Diät, bei der der Schwerpunkt eher auf der Blutzuckerkontrolle als auf der Ketose lag. Es ist bekannt, dass die ketogene Diät zu einem gleichmäßigen und stabilen Blutzuckerspiegel führt und dass ein Anstieg des Blutzuckers (aufgrund einer zusätzlichen Kohlenhydrataufnahme) einen signifikanten Anstieg der Anfallshäufigkeit auslösen kann. Daher kombiniert die LGIT das Wissen über die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Glukoseaufnahme aus Lebensmitteln (der glykämische Effekt von Lebensmitteln und der glykämische Index; GI) mit einer Kohlenhydratrestriktion, die den Körper weiterhin dazu zwingt, Fett als Hauptenergiequelle zu verbrennen. Die Kohlenhydrataufnahme ist auf 40–60 g begrenzt und gleichmäßig über den Tag verteilt. Die Auswahl an Kohlenhydraten ist auf Lebensmittel mit einem GI-Index von weniger als 50 beschränkt.

 

Die Fettzufuhr sollte bei jeder Mahlzeit ca. 60 % der Energiezufuhr ausmachen. Die Fettmenge sollte durch eine gute Schulung mit Augenmaß – also ohne Abwiegen – möglich sein. Eine altersentsprechende Proteinzufuhr sollte verzehrt werden. Auch hier ist vor einem übermäßigem Proteinverzehr aufgrund der Gluconeogenese abzuraten. Das KQ sollte ungefähr bei 1:1 liegen.

Zusammenfassung
Die MAD und LGIT haben viele Gemeinsamkeiten, unterscheiden sich jedoch in Bezug auf Auswahl und Menge der Kohlenhydrate. Beide sind weniger restriktiv und daher einfacher umzusetzen als die kKD /MCT-KD und erleichtern das Essen außer Haus erheblich. Allerdings erfordern alle ketogenen Therapien, ob traditionell oder modifiziert, das gleiche Maß an medizinischer Untersuchung, Vorbereitung, Überwachung und individueller Feinabstimmung durch ein ketogenes Team (in der Regel Neurologe und erfahrener Ernährungstherapeut).

VLCKD: Very low Calorie Ketogenic Diet

Dies ist eine temporär angewendete, streng kalorienreduzierte Ernährungstherapie (600–800 kcal/Tag), die unter medizinischer Begleitung bei vor allem übergewichtigen Migränepatienten durchgeführt wird.

PBKDT: Plant-based Ketogenic Diet Therapy

Die PBKDT ist eine pflanzenbasierte bzw. vegane, vollbilanzierte Ernährungstherapie, die auch Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigt und im Einklang mit den Vorgaben der weltweiten Ernährungsrichtlinien (z. B. DGE) steht.

Mediterrane KDT

Die Mediterrane KDT achtet auf regionales, saisonales Gemüse, frisch zubereitet mit einem geringen Verarbeitungsgrad. Olivenöl dient als Hauptfettquelle ebenso ein hoher Verzehr von Nüssen, Saaten und Samen und einem sehr geringen Verzehr von tierischen Produkten mit Ausnahme von frischem Fisch.

Keto-Ampel

Die Keto-Ampel ist eine stark vereinfachte Low-Carb-Ernährung, welche es ermöglicht, ohne Berechnungen und Abwiegen mit Hilfe von MCT-Fett eine milde Ketose zu erreichen.

Life-Style-Keto-Diäten gibt es vielfältige in den Social Media. Versprechen für ein bessere Gewichtsabnahme wurden wissenschaftlich widerlegt. Zu beachten ist auch immer, dass eine KDT eine Ernährungstherapie mit dem Ziel einer messbaren, dauerhaften Ketose ist, welche in den angepriesenen Life-Style-Keto-Diäten – wenn überhaupt – nur temporär auftritt.

 

Susanne Baum

Alle Bilder: privat

Kontakt:
Susanne Baum

Diätassistentin E-Zert

Pädiatrische Ernährungstherapeutin CP

sh.baum(at)web.de

 

 

 

 

Quellen:

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