Lenas Gitarre - Epikurier

Lenas Gitarre

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Lena steht am Fenster ihres Zimmers und schaut in die Dämmerung hinaus. Die untergehende Sonne verwandelt die Wolken in eine orangerote Hügelkette, fast unwirklich, wie im Traum. Das Smartphone liegt neben ihr auf der Fensterbank, eine Nachricht von Ben! „Kommst Du noch zum Kiosk an den See hinunter?“

 

Lena denkt an den gestrigen Abend: Sie sitzt neben Ben im Kino. Von dem Film hat sie nicht viel mitbekommen. Eine andere Erinnerung ist ganz groß und nah: Bens Hand, die sich langsam und sanft in die ihre schiebt. Eine Welle von Glück rieselt durch ihren ganzen Körper. Beim Lesen von Bens Nachricht fühlt sie es wieder, dieses Rieseln.

 

Ihr Körper, der konnte sich auch schon ganz anders anfühlen. Diese andere Erinnerung steigt in Lena hoch: Schwimmtraining ihrer Leistungsmannschaft. Sechs Monate ist es her. Sie sieht sich im Schwimmbad auf der Wiese liegen. Vollkommen benommen, jeder Muskel tut weh, ihr Kopf dröhnt. Blut läuft aus ihrem Mund. Die Zunge brennt. Sie hat keine Ahnung, warum die anderen ihrer Leistungsgruppe alle um sie herumstehen. Entsetzte und fragende Blicke. Undeutliches Stimmengewirr. Im Notarztwagen fällt das Wort „Epileptischer Anfall“. Lena hört es zum ersten Mal.

 

Der Arzt im Krankenhaus erklärt, dass sie erst mal nicht schwimmen dürfe. Lena spürt, wie sich innerlich alles zusammenzieht und fragt entsetzt: Mein Leistungstraining? Die Schwimm-meisterschaften? Seit Monaten arbeitet sie auf dieses Ziel hin. Und denkt an Marvin. Er trainiert im gleichen Team, sie möchte mindestens so gut werden wie er. Dann spricht er sie vielleicht irgendwann einmal an und schaut nicht nur über sie weg. Der Arzt meint: „Kläre es mit deinem Verein. Bis auf weiteres brauchst durch eine 1:1-Betreuung neben dir durch einen Rettungsschwimmer.“

 

Ihr Trainer erklärt nur knapp: „Unmöglich. Dann muss dein Platz so schnell wie möglich nachbesetzt werden.“ Und Marvin schreibt am nächsten Tag im Gruppenchat: „Wir haben einen freien Platz! Epilepsie im Team geht gar nicht!“

 

Jetzt fühlt sich alles kaputt an: Nicht nur ihr Kopf, ihre Zunge, ihr Körper. Die Krankheit zieht immer größere Kreise. Kein Training mehr. Marvins Nachricht im Gruppenchat. Kein Kontakt mehr zum Leistungsteam. Die unsicheren und komischen Blicke der Klassenkameraden.

 

Lena hat am Morgen oft keine Lust mehr aufzustehen. Der Weg zur Schule scheint lang, der Vormittag ewig. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Sie ist oft müde. Kommt das von den Medikamenten, die sie jetzt nehmen muss? Die Eltern sorgen sich. Die Mutter sagt zum Vater, dass Lena gar nicht mehr wie früher ist.

 

Lena hat Angst, dass sie wieder einen Anfall bekommt. Nie wieder will sie am Boden liegen und in die entsetzten Augen der Anderen schauen, die sich über sie beugen. Dieser Schmerz im Kopf, der Muskelkater im ganzen Körper. Nein! Nie mehr! Die Symptome sind längst weg, aber die Erinnerung steckt weiterhin in jeder Zelle ihres Körpers. Die Angst, es könnte wiederkommen macht alles unheimlich. Und irgendwie sind die Klassenkameraden anders. Lena fühlt sich wie hinter einer Glaswand. Abgetrennt.

 

Anfangs ist sie nicht sicher: Ein vorsichtiger freundlicher Blick von Ben? Bisher hat sie ihn in der Klasse kaum wahrgenommen. Er ist nicht der sportlichste Typ. Dann ertappt sie sich, dass sie ihn beobachtet. Er ist anders als die meisten anderen. Sanfter, vorsichtiger, wärmer. Sie denkt an ihn, wenn er gar nicht da ist. Sie sieht seine Augen, auch wenn sie nicht in seiner Nähe ist. Und sie sucht seine Augen, wenn er da ist. Manchmal treffen sich ihre Augen. Das ist schön. Im ganzen Körper.

 

Einmal spricht er sie an: „Du hast doch dein Training aufgegeben. Magst Du nicht in unserer Band mitmachen? Du kannst doch Gitarre spielen?“

 

Ihre Gitarre hat Lena fast vergessen. Seit sie dreimal pro Woche zum Schwimmtraining ging, steht die Gitarre verstaubt in einer Ecke ihres Zimmers. Dabei war sie mal richtig gut, der Musikunterricht hatte ihr Spaß gemacht, sie hatte jeden Tag gespielt. Allein und mit anderen. Das war alles so weit weg, wie in einer weit entfernten anderen Zeit. Das Schwimmen war so wichtig geworden. Schwimmen, immer nur Schwimmen, die Wettkämpfe, das Training.

 

Nun hat Ben sie an ihre Gitarre erinnert. Am Abend packt sie ihre Gitarre zum ersten Mal wieder aus. Ganz verstimmt ist sie. Zögernd und leise steigt eine Melodie in Lena auf, sie erinnert sich und spielt sie vorsichtig. Wie konnte sie sie vergessen haben? Wie konnte sie vergessen haben, wie gut es sich anfühlt zu spielen?

 

Sollte sie es wagen, in der Band zu spielen? Bestimmt war sie nicht gut genug. Ob die anderen sie überhaupt dort wollten? Das Mädchen mit dieser komischen Krankheit in ihrer Band? Aber Ben hatte sie ja gefragt. Sie dachte an seine Augen. Er hatte nicht nur so gefragt. Sie würde es versuchen. Und ihn fragen, ob er Lust hat, mit ihr ins Kino zu gehen.

Ulrike Gäble-Titze