Nebel in der U-Bahn - Epikurier

Nebel in der U-Bahn

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Ich bin zittrig und schwitze. Alles um mich herum fühlt sich weit weg an. Ich fühle mich wie in Watte. Ich sehe durch einen Nebel die Menschen um mich herum. Manche schauen in ihr Handy. Andere lesen Zeitung. Wieder andere halten sich an der Haltestange fest und warten, dass die U-Bahn in den nächsten Bahnhof einfährt. Ein Kind schaut mit verängstigtem Blick in meine Richtung. Es hält sich an der Hand seiner Mutter fest.

 

Ich sitze. Zum Glück. Ich habe mir beim Einsteigen in die Bahn einen guten Platz ausgesucht. In der Ecke. Ich kann meinen Kopf an die kühle Fensterscheibe lehnen und etwas heraussehen. Ich muss aber aufpassen, da sich draußen die Bilder so schnell verändern. Nicht, dass ich nochmal einen Anfall bekomme.

 

Ich muss mich jetzt auf mich konzentrieren. Tief einatmen und ausatmen. Ganz ruhig. Spüren wie sich meine Bauchdecke hebt und senkt. Keine Ablenkung zulassen. Total schwierig, bei dem Geräuschpegel hier im U-Bahn Abteil.

 

Gegenüber von mir sitzt ein junges Mädchen mit dicken rosa Lippen, Glitterrouge auf den Wangen und langen Fingernägeln. Sie tippt auf ihrem Handy herum. Sie hat bestimmt nichts mitbekommen. Neben ihr ein Schuljunge, der verstohlen in der Gegend herumschaut. Unsere Blicke treffen sich. Er sieht weg.

 

Neben mir unterhalten sich zwei Personen. Es geht offensichtlich um mich. Ein Mann, der direkt neben mir sitzt, lehnt sich jetzt zu mir und fragt, wie es mir geht. Ob er mir helfen kann.

 

Ich bin noch nicht so weit, dass ich antworten kann. Ich schaue ihn nur an und atme weiter tief in meinen Bauch. Ein und aus. Meine Hände fühlen sich noch schwitzig an.

 

Er fragt mich, wo ich aussteigen muss. Ach ja, der Ausstieg. Hoffentlich habe ich die Haltestelle nicht verpasst.

 

Ich versuche, die Lippen zu bewegen und dabei einen Ton zu erzeugen. Spreche ich? Funktioniert es schon? Ich kann meine Haltestelle sagen. Der Bahnhof kommt noch, meint er. Er muss dort auch aussteigen. Ich habe ihn noch nicht verpasst. Ich atme durch.

 

Ich setze mich aufrecht hin und sehe auf dem Fußboden zwischen meinen Füßen meine Geldbörse liegen. Ein paar Karten sind herausgefallen. Ich bücke mich. Langsam. Ich sammele alles zusammen.

 

Der Mann neben mir versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen. Ob er mir helfen soll, wie es mir denn jetzt geht, wie ich heiße. Ob ich denn schon öfter einen epileptischen Anfall hatte. Eigentlich ganz nett. Aber alles etwas viel auf einmal.

 

Ich antworte ihm langsam. Ich bin Karin und habe regelmäßig Anfälle. Nach ein paar Minuten geht es meist wieder.

 

Meine Haltestelle kommt. Er steht auf, und bahnt sich den Weg zur Tür. Ich gehe direkt hinter ihm. Das ist gut so. Auf dem Bahnsteig kommt mir ein kühler Luftzug ins Gesicht. Das tut gut. Ich kann nochmal richtig durchatmen und fühle mich inzwischen etwas gefestigter.

 

Ich sehe den Mann an, der noch neben mir steht und mich etwas gespannt ansieht. Erwartet er einen neuen Anfall? Ich möchte mich bei ihm bedanken. Er fällt mir ins Wort und fragt, ob ich noch Lust und Zeit für einen Kaffee hätte? Er weiß ein nettes Café gleich in der Nähe.

 

Okay. Wir gehen in das Café, und setzen uns gegenüber an einen kleinen Tisch am Fenster. Sehr gemütlich hier. Ich nehme zu meinem Kaffee ein großes Wasser. Als er seine Bestellung der Bedienung abgibt, sehe ich ihn an. Er merkt, dass ich ihn mustere und lächelt mich an. Ich schaue verlegen weg.

 

Jetzt interessiert es mich doch. War mein Anfall sehr schlimm? Die Kinder um mich herum, waren wohl etwas verschreckt. Er winkt ab, und erzählt, dass ich etwas herum gemurmelt hätte. Außerdem ist mir die Geldbörse auf den Boden gefallen, erst da wäre auch er aufmerksam geworden. Aber ich war schnell wieder ansprechbar. Alles halb so wild. Ich bin erleichtert.

 

Inzwischen bin ich wieder völlig klar und wir kommen in ein nettes Gespräch. Zum Schluss tauschen wir unsere Telefonnummern aus und versprechen uns wieder zu treffen. Wir wohnen ja in der Nähe der gleichen Haltestelle.

 

Erika Rudnik

Auch diese schöne Geschichte stammt aus unserem Autorenwettbewerb „Schreib‘ mal was“ mit Kurzgeschichten rund um das Thema Epilepsie.