Unbarmherziger Bescheid - Epikurier

Unbarmherziger Bescheid

Artikel aus dem Ressort Lokalanzeiger Nord der Berliner Morgenpost Online vom 01.02.2002

In der Abteilung Berufliche Rehabilitation der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal werden junge Epilepsiekranke auf das Arbeitsleben vorbereitet. Vor allem aber auf das Leben außerhalb der beschützenden Elternhäuser. Nun soll die Einrichtung vom Arbeitsamt geschlossen werden. Die Eltern laufen verzweifelt Sturm gegen die Pläne

Von Thomas Fülling

Lobetal - Sie gehören zu den Schwächsten in der Gesellschaft: Kinder und Jugendliche, die an Epilepsie leiden. Als besonderes Problem erweist sich für sie die Berufsausbildung. Medizinisch kaum begründbar, denn Epilepsie vermindert nicht die Intelligenz. «In den meisten Fällen haben aber weder die Berater in den Arbeitsämtern noch die Ausbilder ausreichende Kenntnisse, um den richtigen Beruf für die betroffenen Jugendlichen zu finden», so die Erfahrung von Barbara Lillge, Vorsitzende des Bundes-Elternverbandes Epilepsie in Berlin.

Gerade deshalb ist die Elternvertreterin erzürnt darüber, dass am 31. August die Abteilung für Berufliche Rehabilitation (ABR) in Lobetal geschlossen werden soll. Die Einrichtung am Epilepsiezentrum der Hoffnungstaler Anstalten ist zurzeit die einzige ihrer Art in Ostdeutschland. Mehr als 150 an Epilepsie erkrankte Jugendliche im Alter von 17 bis 25 Jahren aus Berlin und fast allen neuen Bundesländern wurden dort bisher betreut. Aufgabe der ABR ist es, die Jugendlichen nach Schulende in Förderlehrgängen auf eine Berufsausbildung vorzubereiten.

Dabei geht es zum einen darum, ihnen ganz individuell bei der Wahl einer geeigneten Tätigkeit zu helfen und ihre Eignung dafür festzustellen. Zum anderen werden die jungen Leute durch die Ganztagesbetreuung für ein Leben außerhalb des Elternhauses ertüchtigt. «Bei uns lernen sie, mit ihren Anfällen umzugehen, bekommen Mut, eine Ausbildung zu beginnen», sagt ABR-Leiterin Maria Lippold. Finanziert werden die Förderlehrgänge vom Arbeitsamt. Doch das dreht jetzt den Geldhahn zu.

Begründet wird der Schlussstrich mit einer Absprache im Jahr 1994 zwischen der Bundesanstalt für Arbeit sowie den Sozialministerien von Bund und Land zum Vorhaben «Berufsbildungswerk Oberlinhaus» in Potsdam. Damals sei vereinbart worden, dass die auf die Berufsausbildung Behinderter spezialisierte Einrichtung um 44 Plätze für junge Menschen mit Epilepsien erweitert werden soll. «Bis zur Realisierung dieses Platzangebotes sollte die Möglichkeit der Berufsvorbereitung in Lobetal bestehen», heißt es in einem Schreiben des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg an den Bundes-Elternverband.

«Mit dem Oberlinhaus steht uns eine modernere Einrichtung zur Verfügung, die die Versorgung der jungen Leute gut und noch besser als in Lobetal leisten kann», zeigt sich Karl Peter Fuß, Vizepräsident des Landesarbeitsamtes, überzeugt. Gleichwohl räumt das Arbeitsamt ein, dass es eine Nachfrage nach sehr kleinen Einrichtungen gab und daher die Verträge zwischen Arbeitsamt und ABR Lobetal mehrfach erneuert wurden.

Viele Eltern wollen ihre Kinder ganz bewusst nach Lobetal schicken. Das bestätigt Reinhard Opitz aus Berlin. Sein heute 19-jähriger Sohn erkrankte bereits im Kindesalter an einer Hirnhautentzündung, mit 15 traten die ersten epileptischen Anfälle auf. Lange habe er nach einer geeigneten Ausbildungsstätte für seinen Sohn gesucht. «Die ABR Lobetal ist genau das, was mein Sohn braucht. Er wird hier optimal betreut, hier lernt er selbstständig zu leben», berichtet Reinhard Opitz.

Für Elternvertreterin Lillge sprechen die speziellen Erfahrungen der Lobetaler Pädagogen und Betreuer sowie die Nähe zum Epilepsiezentrum der Hoffnungstaler Anstalten klar für Lobetal. Mit flammenden Appellen an Behördenvertreter und Politiker versuchen die Eltern der Jugendlichen, doch noch das Aus der Abteilung für Berufliche Rehabilitation zu verhindern. Im November schrieb Reinhard Opitz an Ministerpräsident Manfred Stolpe und Sozialminister Alwin Ziel (beide SPD) und forderte sie zum Einsatz gegen die Schließung. Mehr als eine Eingangsbestätigung hat er bis heute nicht erhalten.

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