Die Trauerspirale von E. Schuchardt - Epikurier

Die Trauerspirale von E. Schuchardt

1. Phase: Ungewißheit

In der letzten Ausgabe des Epikuriers war das Spiralphasenmodell von Frau Schuchardt abgebildet. Dieses besteht aus 8 aufeinanderfolgenden Phasen.

Die erste Phase ist die der Ungewißheit. In diese Phase oder auch in die Phase der Gewißheit fällt auch das Erleben des Schocks.

Der Schock

Ein Kennzeichen dieser Phase der Ungewißheit oder auch der Phase der Gewißheit ist der Schock. Auch wenn vielen Menschen sofort klar zu sein scheint, was mit Schock gemeint ist, möchte ich hier verschiedene Facetten und Beispiele auffüh- ren, wie der Schock erlebt werden kann:

  • Fassungslosigkeit
  • Ohnmacht
  • Ratlosigkeit
  • Erstarren
  • Betäubung
  • Empfindungslosigkeit
  • Ruhelosigkeit
  • Lähmung
  • Eine Mutter sagte einmal: „Ich war eingefroren vor Entsetzen“
  • Die Wirklichkeit erscheint unannehmbar
  • Schockzustand ist auch ein Schutz, weil die Gefühle sonst zu intensiv sind
  • Im Schock kann der Mensch mechanisch weiter funktionieren
  • Desorganisation
  • Bewußtseinseinschränkung (Beschönigung/Blind für Realitäten)
  • Alltagserleben wird unwirklich, wie durch einen Nebel wahrgenommen / gleichzeitig können oft glasklare Wahrnehmungen erlebt werden.
  • Die Zeit des Schockzustandes ist im Ganzen meistens schwer erinnerbar
  • Nebensächlichkeiten werden dabei oft eher wahrgenommen, als der Gesamtkontext


Was brauchen die Eltern, um den ersten Schock zu überwinden
Auch wenn der Alltag es meistens nicht zulässt, möchte ich doch darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass die Eltern Zeit, Ruhe und Entlastung im Alltag finden. Dass sie Geduld mit sich selber haben können, und dass sie die Möglichkeit finden ihre so intensiven Gefühle, die da im Untergrund "brodeln" wahrzunehmen und auch zuzulassen. Dazu wäre es natürlich sehr hilfreich, wenn sie Bestätigung bekommen, dass ihr Empfinden zur Zeit richtig und einfach nur "menschlich normal" ist. Hier können professionell Tätige, aber auch Menschen aus dem persönlichen privaten Umfeld helfen, mit denen die Eltern immer wieder vertrauensvoll sprechen können, wenn ihnen danach ist. Parallel dazu brauchen sie, wenn sie aus dem Schockzustand "auftauchen" weitere Informationen und Gespräche über das Behinderungsbild.

Ich habe es bisher so erlebt, dass die unter Schock stehenden Eltern zu diesem Zeitpunkt keine Lösungen erwarten oder brauchen, und dass sie auch teilweise wie im Trance gar nicht in der Lage sind richtig zuzuhören. Trotzdem und gerade deswegen sind sie auf Menschen ihres Umfeldes angewiesen, die eine Möglichkeit des Gespräches bieten, wenn den Eltern danach ist.

Kurze Zusammenfassung der Situation
Grundsätzlich stellt die Behinderung des Kindes einen massiven Eingriff, oft einen Wendepunkt im Leben der Eltern dar. Nicht selten hat die Konfrontation mit der Behinderung eines eigenen Kindes einen traumatischen Charakter.

Da dieses Kind jedoch versorgt werden muß, muß die Frau in ihrer Funktion als Mutter sofort tätig werden. Es bleiben ihr keine, bzw. nur geringe Möglichkeiten ihren persönlichen Weg der Verarbeitung - der ja z.B. auch Flucht oder absolute Ruhe sein könnte - zu suchen und zu finden. Frau D. formulierte ihre Situation nach der Geburt ihrer mit schwerer Behinderung lebenden Tochter so: "Als Mutter hast du keine Chance dich zu verdrücken."

Abschließendes Beispiel für das Erleben der Eltern

Unendliche Probleme und Fragen überrollten uns. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß das Leben überhaupt weitergeht, konnten nicht glauben, daß es je wieder normal wird. Oder wir lebten einige Zeit in Ungewißheit. Wir wurden hin- und hergerissen zwischen der Vermutung, daß etwas nicht stimmt und unserem sehnlichsten Wunsch, daß alles normal sei. Große Angst plagte uns. Doch den Gedanken, daß das Kind behindert sei, konnten wir noch nicht ertragen. Wir schoben ihn immer wieder weg. Um uns abzulenken, flüchteten wir in Ruhelosigkeit. So hatten wir uns unser Kind nicht gewünscht. Fragen bedrängten uns: Können wir mit diesem Kind leben? Können wir ihm gerecht werden? Paßt dieses Kind in unsere Familie oder zerstört es unser Zusammenleben? Können wir uns mit ihm jemals in der Öffentlichkeit zeigen? Wir versuchten, uns zu verstecken. Gleichzeitig plagte uns unser Gewissen, weil wir uns wegen unseres eigenen Kindes schämten. (Aus: Finger/Steinebach: Frühförderung. Zwischen passionierter Praxis und hilfloser Theorie.)

D. Wolf-Stiegemeyer
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