Die Trauerspirale von E. Schuchardt - Epikurier

Die Trauerspirale von E. Schuchardt

Gewissheit und Aggression

Nach der innerhalb des Spiralmodells von Schuchardt in unserer letzten Ausgabe vorgestellten schockauslösenden Eingangsphase der Ungewissheit folgt die 2. Phase:

Gewissheit
Spätestens dann, wenn die Anzeichen für eine Behinderung des Kindes sich mehren, die Diagnosen sich häufen und die Entwicklungsunterschiede zu anderen Kindern immer größer werden, entsteht die Situation, dass die Eltern vom Kopf her wissen: "Ja, unser Kind lebt mit einer Behinderung." Aber die Seele und das Herz fühlen ein deutliches "NEIN!" "Nein!", weil das, was hier geschieht einfach nicht sein darf; "Nein!", weil es im Moment alles zu zerstören scheint;"Nein!", weil es einfach kaum auszuhalten ist.

Diese Phase ist geprägt durch die Ambivalenz, dass die Wahrheit rational erkannt wird und gleichzeitig emotional verneint wird. Es besteht weiterhin die Hoffnung, dass sich die Behinderung als Irrtum herausstellt.Gerade in dieser Phase ist es wichtig, Menschen zu begegnen, die ehrlich und einfühlsam auf die Eltern eingehen und sie dann auch im weiteren im Durchleben des folgenden sehr intensiven Durchgangsstadiums begleiten.

Aggression
Dieses Durchgangsstadium beginnt mit der 3. Spiralphase: Der Aggression verbunden mit der Frage: "Warum gerade ich ...?"

Frau Jonas bezeichnet dieses Durchgangsstadium als: Aufbrechende chaotische Emotionen. Diese Bezeichnung gibt in Kurzform sehr prägnant das wieder, was viele Eltern durchleben. Gewissheit manifestiert sich im Bewußtsein der Eltern und löst als Abwehr gegen die Wirklichkeit emotionale, ungesteuerte, aggressive Gefühlsausbrüche wie Ablehnung, Wut oder Zorn aus.

Die fast bedrohlich angestauten Gefühle können oft impulsiv, sehr intensiv und völlig ungesteuert hervorbrechen.

Die Verzweiflung, die Trauer und der Schmerz beherrschen in manchen Phasen die Mütter und Väter fast ganzkörperlich. Es gibt kein Entweichen. Die Gefühle toben im Körper. Die Aggression richtet sich gegen alles und nichts und ist oft nur schwer im Detail zu benennen. Da werden schon mal ungerechtfertigte harte Worte gegen Familienmitglieder, Kollegen, etc. ausgesprochen, denn der eigentliche Gegenstand der Aggression, die eigene Krise und Grenzerfahrung ist ja nicht angreifbar.

Teufelskreis

Tragisch in dieser dritten Spiralphase ist der unauflösliche Teufelskreis der Aggression: Der Betroffene klagt an "Warum gerade ich...?" und ist aggressiv, daraufhin klagt seine Umwelt zurück: "Warum verhältst du dich so zu uns, wir sind doch nicht schuld daran ...?" und reagiert mit Gegenaggressionen. Das verstärkt beim Betroffenen seine sich selbst erfüllende Prophezeiung: "Alles ist gegen mich!", was erneut das Teufelsrad antreibt. Eltern fühlen sich in dieser Situation verlassen. Verstärkend erleben sie dann durch die Veränderung des sozialen Umfeldes und durch den Verlust bisher bestandener Kontakte ein tiefes sozialzentriertes Verlusterleben.

Das Ausleben der Aggression deutet auf die tiefe psychische Not der Eltern hin. Gleichzeitig trägt diese Aggression dazu bei, dass die Eltern aus ihrer teilweise zuvor bestandenen Handlungsunfähigkeit herausfinden. Abschließend möchte ich hier ein Zitat von Sporken wiedergeben: "Am Anfang des Prozes-ses steht der Schock, das Nicht-wahr-haben- wollen, das Verdrängen. Die danach aufbrechenden Emotionen und Strebungen, wie Enttäuschung, Wut, Zorn, Aggression, Trauer, Gram, Scham, Schuldgefühle und Beschuldigungen, Selbstbestrafung, Rückzug aus sozialen Beziehungen, Ängste usw. legen in ihrer Art und Heftigkeit den Vergleich mit der Situation bei Erkennen des nahenden eigenen Todes nahe." (Sporken 1975)

D. Wolf-Stiegemeyer
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