Filmkritik "Requiem" - Epikurier

Requiem

ein Film von Hans-Christian Schmid
in der Hauptrolle Sandra Hüller


Requiem, das ist eine Totenmesse, eine Seelenmesse.
Requiem, da liegen die Klänge von Brahms und Mozart in der Luft als musikalische Kunstwerke. Hans-Christian Schmid hat mit seinem Film „Requiem“ ein Kunstwerk auf die Leinwand gebracht.

Requiem ist nicht das spektakuläre, Effekt heischende Exorzismusdrama eines düsteren Katholizismus. Vielmehr ist es  die bewegende Geschichte eines jung gescheiterten Lebens, des Schicksals einer jungen Frau in ihrer Zerrissenheit zwischen Krankheit,  Familie und Glauben, für die es keinen Platz im Leben gibt.
 
Der Film spielt im Tübingen der 70iger Jahre und beruht auf der Lebensgeschichte der Anneliese Michel aus dem unterfränkischen Klingenberg, die durch Teufelsaustreibung im Jahr 1976 zu Tode kam.
Michaela leidet an Epilepsie, mehr noch an ihren Ängsten, ihrer Unzulänglichkeit, an sich selbst.

Sie bekommt als Pädagogikstudentin in Tübingen einen Studienplatz.
Dort erfährt Michaela zunächst nie gekannte Lebensfreude. Aber die mit Vehemenz wiedergekehrten Anfälle bedrohen die vorsichtig optimistischen Lebenserfahrungen.
Freudlosigkeit, enge Normen und Tabus bestimmen das Leben ihrer Familie in ländlicher Umgebung. Michaela selbst ist gezeichnet von einer tiefen Religiosität und dem Nicht-Entrinnen-Können der zutiefst christlichen Persönlichkeit ihrer Mutter und den daraus entstandenen Vorstellungen ihrer eigenen Unzulänglichkeit.

Der Film zeigt in vielen feinen Details und Dialogen das schwierige Leben einer epilepsiekranken jungen Frau, die sich nicht frei machen kann von den Zwängen, von einer Mutter, die nicht loslassen kann und will.

So Hans-Christian Schmid:
„Michaela hatte niemanden, an den sie sich mit ihrem Kummer wenden konnte, nur Menschen, die es gut mit ihr meinten.“
Da war der väterliche alte Priester mit viel Realitätssinn,
da war ein durchaus sensibel gezeigter junger Priester, der dann die exorzistischen Handlungen durchführen sollte,
da war ein Freund, der sie nicht in die „Klapsmühle“, zur dringend gebotenen medizinischen Behandlung in die Psychiatrie, sondern doch wieder nach Hause zu ihren Eltern fährt,
da war eine Freundin, die sie von der Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung überzeugen will und am Ende das Gleiche tut wie der Freund, sie zurückbringt ins Elternhaus,
da war ein sehr unsicherer, aber zur Tochter und zum kleinen Risiko stehender Vater,
da war eine despotische, unnahbare Mutter, die Furcht hatte,  ihren Einfluss auf die Tochter zu verlieren.
Und da war die junge Frau selbst, die nicht von der katholischen Kirche, die nicht von den Eltern, die nicht von der Epilepsie getrieben wurde, sondern in ihrem Glauben Zuflucht suchte, die ihrem Leiden einen höheren Sinn  geben wollte.

Der Regisseur ist ein sehr genauer und ein sehr diskreter Beobachter, der zeigt, dass er auch kleinste Details aus dem Alltag einer epilepsiekranken jungen Frau kennt, sie in feinfühlige, aber prägnante Dialoge fasst, eine Darstellung von höchster Emotionalität.
Er vermeidet vordergründig voyeuristische Effekte der Teufelsaustreibung.

Die Schlusssequenz mit dem dramatischen Leiden und Sterben der Michaela Klinger erscheint nur in einem kurzen sachlichen Text.
Sie steht für mich wie die leere Quinte in Mozarts Schlussakkord.


Requiem ist ein Film, der fasziniert durch die beeindruckende Darstellung der Michaela,
die ungewöhnlich präzise Darstellung der alltäglichen und eben nicht alltäglichen Lebenssituationen epilepsiekranker Menschen
- und durch die Bescheidenheit in der Darstellung so dramatischen Geschehens.

Seit der Teufelsaustreibung in Klingenberg 1976 hat in Deutschland - obwohl im Vatikan auch heute noch Lehrstoff - kein Exorzismus mehr stattgefunden.  

Renate Windisch, Schwanstetten