Noch ein Antrag gefällig? - Epikurier

Und noch ein Antrag gefällig?

©Harry Hautumm/pixelio.de

Unsere Tochter Lisa wird 18! Im „Normalfall“ werden zu diesem Zeitpunkt schon einige Anträge fällig. Handelt es sich jedoch wie bei ihr um ein behindertes Kind, dann bricht eine Flut an neuen Anträgen über die Eltern herein - auch für mich als jahrelang geübte Antragsstellerin eine Herausforderung.

Das Versorgungsamt will neue Unterlagen, um den Behindertenausweis zu überprüfen und ggf. zu verlängern, die Familienkasse möchte ebenfalls einen Nachweis, um die Fortzahlung des Kindergelds sicherzustellen. Meinen kurzen Einwand, ich bräuchte doch keine Schulbesuchsbescheinigung, weil in ihrem Fall (Eintritt der Behinderung vor dem 25. Lebensjahr und Unfähigkeit, den Lebensunterhalt selbst zu bestreiten) ein lebenslanges Anrecht auf Auszahlung bestünde, wird mit dem für mich unwiderlegbaren Argument „Diesen Nachweis brauchen wir eben!“ begründet – alles klar?!

Die Betreuung für Lisa muss beim Gericht beantragt werden, weil sie leider nicht in der Lage ist, wichtige Dinge selbst zu entscheiden, und auch dazu werden wieder unzählige Nachweise von uns verlangt – ich hätte schon zu Lisas Geburt einen Wald an Bäumen für die ganzen Kopien pflanzen sollen.

Von der Lebenshilfe kommt der Hinweis, dass wir für Lisa Grundsicherung beantragen könnten. Sie steht behinderten Menschen ab 18 Jahren zu, egal ob diese schon eine Werkstatt bzw. Förderstätte besuchen oder noch zur Schule gehen. Eigentlich bin ich schon erschöpft, raffe mich dann aber doch auf und fordere die notwendigen Formulare telefonisch beim Sozialamt an. Und ich werde nicht „enttäuscht“, denn schon bei der ersten Durchsicht ist mir klar, hier gehen wieder einige Stunden meiner kostbaren Zeit für Ausfüllen, Nachweise heraussuchen, Kopien anfertigen drauf.

Beim Punkt Einkommen, Vermögen, Wertpapiere etc. werde ich stutzig. Warum werden hier zusätzlich zu Lisas Angaben auch meine Verhältnisse abgefragt? Aus den schriftlichen Tipps, die ich dank Lebenshilfe zur Verfügung habe, weiß ich doch, dass keine Auskünfte der Eltern notwendig sind, wenn deren Jahreseinkommen unter € 100.000 liegt. Jetzt wage ich das Äußerste - auch weil ich angesichts der vielen Formulare und Anträge schon völlig entnervt bin -, mache hier überall einen Strich und schreibe einfach „keine Angaben notwendig“. Den Punkt Miete/Heizung ereilt das gleiche Schicksal, denn falls ich dort Daten eintrage, müsste ich einen Mietvertrag mit meinem Kind schließen und ihm ein eigenes Girokonto einrichten, damit die Miete auch „reell“ fließen kann. Also ist auch an dieser Stelle die kreative Durchstreich-Lösung gefragt - ich bezweifle, dass das alles so in Ordnung geht, rechne jetzt schon mit den kommenden Nachfragen, habe aber einfach keine Lust mehr.

Auch für die Grundsicherung werden zahllose Kopien und Unterlagen als Nachweis gefordert - ich erhöhe gedanklich auf zwei Wälder… Da kommt mir eine neue Idee: Ich werde eine eigene Homepage für Lisa kreieren und stelle jeden Nachweis (Medizinische Gutachten und Atteste, Pflegegutachten, Krankenhausberichte etc.) als PDF auf diese Seite, dann können sich alle die nötigen Dokumente selbst herunterladen. Privatsphäre? Angst, dass die Unterlagen von Unberechtigten eingesehen werden können? Diese Fragen/Zweifel kann ich getrost beiseite schieben, da ich das Gefühl habe, jeder - egal ob Amt, Behörde, Krankenkasse etc. - weiß doch sowieso schon über mein Kind und dessen Eigenheiten Bescheid - bei den Unmengen an Kopien ihrer Berichte, die ich bereits verschickt habe.

Schließlich sende ich den Antrag auf Grundsicherung ab und bereite mich innerlich schon einmal auf den weiteren Schriftverkehr vor. Aber nach all den langen Jahren mit Antrags- und Behördenwirrwarr werde ich überrascht - und dieses Mal sogar positiv!

Ich sehe den Geldeingang auf dem Konto, bevor noch der entsprechende Bescheid bei uns eintrifft - und dies ohne Hin und Her, Wenn und Aber oder sonstiges weiteres Gezerre.

Ein schöner monatlicher Geldbetrag, der Lisa einige zusätzliche Therapien garantiert, die sonst kein Kostenträger übernimmt.

Ich bin glücklich und zufrieden, schöpfe wieder Kraft und Energie - es geht tatsächlich auch anders! Wo ist der nächste Antrag, den ich stellen darf?

Doris Wittig-Moßner, Nürnberg