Psychiatrische Behandlung - Epikurier

Psychiatrische Behandlung

Hell und freundlich präsentieren sich die Räumlichkeiten der Spezialstation im Haus 16

bei erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel des Isar Amper-Klinikums, Haus 16 in München-Haar

“Menschen mit geistiger Behinderung haben ein 3- bis 4-fach erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen im Vergleich zur normalintelligenten Allgemeinbevölkerung“.1

Wenn zu der Diagnose Geistige Behinderung, schwere therapieresistente Epilepsie, auch noch die Diagnose einer psychiatrischen Erkrankung kommt, erschwert es oft die Betreuung unseres Angehörigen. Verhaltensstörungen können das Umfeld des Betreuten auf eine harte Probe stellen. “Erschwerend für die Früherkennung und Behandlung von psychischen Störungen ist auch, dass ärztliche Konsultationen, veranlasst durch Angehörige oder Mitarbeiter von Einrichtungen der Behindertenhilfe, oft erst im fortgeschrittenen Stadium erfolgen. Eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung von Verhaltensstörungen verbessert die Diagnose um ein Vielfaches“.2

In der Beratung und auch durch persönliche Erfahrung weiß ich, dass der Weg für uns Angehörige in eine psychiatrische Ambulanz oder gar als Notaufnahme in eine psychiatrische Klinik eine große Hürde ist. Eine psychiatrische Klinik ist für Angehörige in der Regel immer noch mit einem angstmachenden Ansehen verbunden. Psychiatrische Behandlungen verbinden die Angehörigen meist mit einer hohen Medikamentierung, einem “Runterspritzen“, “Runterdimmen“, Fixierung und mit einer grundsätzlichen Wesensveränderung, die mit Medikamenten einhergeht. Das ängstigt uns Eltern sehr und dies ist auch nicht ganz unbegründet. In einem Beratungsgespräch des Psychiaters, der die Einrichtung betreute, in der unser Sohn lange lebte, wurden diese Maßnahmen als Krisenfall empfohlen.

Der Leidensdruck ist sehr hoch, wenn wir Rat in der Psychiatrie suchen. Psychische Störungen beeinträchtigen die Beziehungs- und Integrationsfähigkeit in hohem Maße: Die Wohngruppe sieht sich außer Stande eine weitere Betreuung zu gewährleisten. Die Androhung der Kündigung des Wohnstätten-Platzes ist nicht selten die Folge. Wenn der Angehörige in der Familie wohnt und man merkt, dass man den immer schwierigeren Verhaltensmuster nicht mehr gerecht werden kann, wendet man sich ratsuchend an eine Klinik. Die eigene totale Überforderung mündet im Empfinden einer großen Hilflosigkeit.

Ärzte in psychiatrischen Kliniken, die nicht auf diesen Personenkreis spezialisiert sind, wissen in der Regel wenig über Menschen mit Intelligenzminderung, über deren Lebenswelten und Lebensbedingungen. Die Erkennung und Behandlung von psychischen Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung setzt ein spezielles Fachwissen voraus. Psychiater und Therapeuten sind bezüglich der Diagnostik mit Besonderheiten konfrontiert wie z. B. der Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung, der Einschränkung des sprachlichen Verständnisses und Ausdruckvermögens, Sinnesbehinderung, körperliche Funktionsbeeinträchtigung, Autistische Störungsbilder – um nur wenige Besonderheiten zu nennen.

Um die Ursachen der Verhaltensstörung herauszufinden, bedarf es immer einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Nicht selten sind die Auslöser auch körperliche Beschwerden, z. B. Schmerzen, die nicht mitgeteilt werden können, Nebenwirkungen von Medikamenten z. B. bei Epilepsie. Aber auch pädagogische Defizite in der Betreuung, im Umfeld des Menschen mit Behinderung können Auslöser sein.

“Die Frage nach den Auslösern differenziert zwischen den Bedingungen, die das Verhalten auslösen, und den Bedingungen, die das Verhalten nicht auslösen“. 2

Die psychiatrische Versorgungslandschaft für erwachsene Menschen mit Behinderung in Deutschland ist nicht gut bestellt.

Wir in München und im Landkreis München haben Glück. Das Bezirkskrankenhaus in Haar bietet ein spezielles Behandlungsangebot für Menschen mit Behinderung im Erwachsenenalter. Nicht weit entfernt verfügt auch das Salzach Klinikum in Gabersee über eine Spezialstation.

Unser Sohn war im vergangenen Jahr fünf Wochen in Haar im Haus 16 untergebracht. Es gab zunehmend Probleme in seiner Einrichtung. Er wollte nicht mehr aufstehen, ging nicht mehr in die Werkstatt, zum Schluss wollte er sein Zimmer nicht mehr verlassen. Wir Eltern suchten Rat in Haar und baten um eine stationäre Aufnahme.

25 Jahre zuvor war er an Epilepsie erkrankt. Ich denke dass ich behaupten kann, krankenhauserfahren zu sein. Alljährlich verbrachten wir mehrere Wochen in einer Klinik. Diesmal war es für uns Eltern anders. Ein Richter entschied über die geschlossene Unterbringung unseres Kindes, nicht wir als rechtliche Betreuer. Wir nahmen es hin, fühlten uns sehr defensiv und unerfahren.

Das ausführliche Aufnahmegespräch mit einem interdisziplinären Team machte Mut, eine Lösung für Sebastians Verhalten zu finden. Man zog umgehend den Epileptologen hinzu, der Sebastian schon viele Jahre epileptologisch betreute.

Auch die Zimmer sind einladend gestaltet.

Wütend reagierte unser Sohn auf die stationäre Aufnahme, er hatte beschlossen, nicht dort zu bleiben. Ich erinnere, dass ich ihn am nächsten Tag nicht besuchen konnte/wollte. Zu groß war meine Angst, wie ich ihn wohl vorfinden würde. Schlafend war noch das Positivste, was ich annahm. Also ging mein Mann erst einmal alleine hin. Wie erleichtert war ich, als er am Telefon gleich Entwarnung gab: Sebastian spiele im Garten mit Betreuern und anderen Betreuten Fußball. Es klingt für den Leser sicherlich befremdlich, wenn ich behaupte, dass Sebastian sich wohlgefühlt hat. Er hat sich dort von den erlebten Belastungen in seiner  Einrichtung erholt.

Wir besuchten ihn an jedem zweiten Tag und erlebten eine ganz und gar andere Psychiatrie, als wir uns sie vorstellten. Nach einer Woche Verhaltensbeobachtung therapierte man ihn in pädagogischen Einzel- und Gruppenarbeiten. Eigens zu seiner Orientierung erarbeitete man mit ihm gemeinsam den Tagesablauf. Einzelne Punkte wurden an jedem Tag besprochen und festgelegt. Stolz zeigte er mir bei jedem Besuch, was für den Tag schon erledigt war und was noch zu tun war. Wahlfreiheit zwischen den einzelnen Schritten, war ihm besonders wichtig. Er erlebte Anerkennung und Wahrgenommen werden. Sebastian fühlte sich in den Alltag dort integriert, er wurde immer mit einbezogen in sein Therapiekonzept. Er erzählte von seinen Anwendungen: Musik, Malen, Kochen, Backen, Gymnastik, Bewegung draußen und vieles mehr.

Für mich waren die Besuche auf der Station oft belastend. Die erkrankten Menschen mit geistiger Behinderung, weinend oder laut lautierend den Klinikflur auf und ab gehend – dies bewegte mich immer sehr. Sebastian hatte schnell Freunde gefunden. An keinem Tag erlebte er eine Belastung durch die Mitpatienten, zumindest für mich nicht ersichtlich. Wenn es ihm zu viel wurde, hatte er Ansprechpartner. Das Konzept der Bezugspflege und der Beziehungsarbeit ist vorbildlich. Die ausgeprägte pädagogische Säule in der psychiatrischen Arbeit auf dieser Station, ist beachtenswert. Viel Zeit und Verständnis brachte man uns Eltern entgegen, unsere Fragen wurden beantwortet.

Das Betreuungsteam der Einrichtung wurde eingeladen. Möglichkeiten der Veränderung im Umgang mit Sebastian wurden aufgezeigt. Wir haben für zuhause vieles übernommen und uns immer wieder gefragt, warum wir nicht schon früher Rat suchten. Das hätte vor allen Dingen für Sebastian viele Vorteile gehabt.

Nicht immer ist eine stationäre Aufnahme nötig. Oft geht das Team aus Haar auch in das Wohn- und/oder Arbeitsumfeld des Betreuten. Sicherlich bietet die aufsuchende ambulante-psychiatrische Betreuung, wie es dort angeboten wird, auch eine Entlastung für den Menschen mit Behinderung, der sein Umfeld nicht verlassen möchte oder kann.

Ich kann Eltern, Angehörige und rechtliche Betreuer nur ermutigen, alte Bilder in Sachen Psychiatrie über Bord zu werfen, im Interesse des Menschen mit Behinderung dort Rat zu suchen und ihm die Chance eines guten psychiatrischen Behandlungskonzeptes zuteil werden zu lassen.

Margret Meyer-Brauns, München


1 C. Schanze: Intelligenzminderung und psychische Störung bei Menschen mit Intelligenzminderung
2 F. Gaese: Psychiatrische Diagnostik und Therapie bei Menschen mit geistiger Behinderung im Erwachsenalter


Kontakt Autorin:

Lebenshilfe München
Angehörigenberatung
St.-Quirin-Str. 13a
81549 München
Tel.: 089 69347117
beratung(at)lebenshilfe-muenchen.de
www.lebenshilfe-muenchen.de


Kontakt Klinik:

kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost
Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen
Abteilung für Menschen mit geistiger Behinderung,
Autismus und anderen Entwicklungsstörungen
Haus 16
Ringstraße 16
85540 Haar

Anmeldung und weitere Informationen:

Spezialambulanz Sekretariat
Tel.: 089 4562-3510 oder -3943 (AB)
Sek-Geistige-Behinderung.iak-kmo(at)kbo.de

Flyer im Internet: www.iak-kmo.de/fileadmin/user_upload/Flyer_Februar_2015/Geistige_Behinderung_-_Haus_16.pdf

 

 

Bilder – Quellen:

Isar Amper-Klinikum

Margret Meyer-Brauns