Der (etwas?) andere Alltag von Müttern besonderen Kinder -Teil 4 - Epikurier

Der (etwas?) andere Alltag von Müttern besonderer Kinder

Teil 4: Autonomie: Leben im Zwiespalt zwischen Mutterrolle und Ich-Entwicklung

Geh deinen Weg wie ich den meinen suche
zu dem Ziel Mensch zu werden.
Unterwegs begegnen wir
der Wahrheit,
der Freiheit,
und uns selbst.
Unterwegs
wächst und reift
eine Weggemeinschaft, die uns befähigt,
anderen
Rastplatz zu sein
und Wegweiser.
Du und ich
gehen den Weg

(Margot Bickel)


Autonomie
Innerhalb in den Teilen 1 - 3 dargestellten Lebenssituation sind die Möglichkeiten auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung eingeschränkt. Ein Problem besteht jedoch noch im Vorfeld der teilweisen Durchsetzung: Aufgrund ihrer besonderen Verpflichtung gegenüber dem Kind haben viele Mütter Schwierigkeiten, sich dieses Recht auf Selbstbestimmung überhaupt zuzugestehen. Auch der Einfluß der sozialen Erwartung an eine iigute Mutterin kann diese Rechte auf mehr Eigenständigkeit der Mütter besonderer Kinder in Frage stellen.

Innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung besteht eine besondere Form der Abhängigkeit. Die Kinder sind abhängig von den Müttern. Die Mütter sind in ihrem Tagesablauf abhängig von den Bedürfnissen und Vorgaben der besonderen Kinder. Keiner der beiden ist autonom.

In den letzten Jahrzehnten haben Frauen allgeein immer stärker versucht ihre eigene Indiidualität zu entwickeln, und nicht mehr nur Frau des Ehemannes und Mutter der Kinder zu sein. Das Streben nach Ich-Entwicklung wurde im Rahmen der Emanzipation immer selbstverständlicher. Es scheint so, als wenn in den Frauen ein Entwicklungsimpuls lebt.

Durch die schon geschilderte besondere Situation der Mütter von Kindern, die mit Schwerstbehinderung leben, ist die Autonomie dieser Frauen auf ein Minimum geschrumpft. Die weitere biographische Entwicklung scheint durch die Rolle "Mutter eines mit Schwerstbehinderung lebenden Kindes" vorgegeben.

Fremdbestimmung

Mit der fehlenden Selbstbestimmung geht eine Form der Fremdbestimmung einher. Fremd- bestimmung kann u.a. durch das Schicksal (z.B. der Behinderung des Kindes / Auftreten- de Krankheiten / lebensbedrohliche Zustände), durch das Kind selber, durch Ärzte und Therapeu- ten, durch die sozialen Rollenerwartungen und auch durch internalisierte Rollenvorstellungen, die nicht der Frau als Person entsprechen, erlebt werden.

Gerade in Bezug auf das Schicksal besteht oft eine Ratlosigkeit, empfundene Sinnlosigkeit und Tendenz zur Resignation oder zu "kräftezehre dem Kampf".

Von den Müttern der Befragung wurden oft theologische, esotherische, anthroposophische und/oder biographische Ansätze herangezogen, um einen Sinn in ihrer Aufgabe zu erkennen. Durch die zumindest partielle Sinnfindung wird die Situation überschaubarer und verständlicher.

Ein Mindestmaß an Kontrolle über das eigene Zeitkonto und über die Durchsetzung eigener Interessen führt zu einem Mehr an Lebensqualität.

Bewußtheit für die eigene Situation
Jede Autonomiebestrebung der Mutter ist mit Organisation und Kraftaufwand verbunden. In fast allen Gesprächen mit den betroffenen Müttern zeigte sich ein deutliches Bewußtsein für ihre eigene Situation. Auch die Mütter älterer Kinder (> 20 Jahre) reflektierten ihre Vergangenheit und die Situation mit ihrem besonderen Kind unter Berücksichtigung der eigenen Bedürfnisse als Frau. Jedoch haben die "jungen" Mütter anscheinend den Vorteil, ihre gegenwärtige Situation zu durchdenken und ihr Interesse an Veränderung deutlich zu machen, während die "älteren Mütter" in der biographisch vergleichbaren Lebensspanne - vermutlich aufgrund der damaligen sozialen Gegebenheiten und Erwartungen - wenig Möglichkeiten hatten, sich individuelle Bedürfnisse zuzugestehen und ggf. durchzusetzen. Dies bedeutet nicht, dass die Frauen der heutigen Mütter-Generation ihre Autonomie bereits erlangt haben. Es besteht jedoch mehr Bewußtheit und auch der Wunsch und der Wille, in dieser komplexen Beziehung zum Kind, auch eigene Wege finden zu können. Dies sind sicherlich Auswirkungen der Emanzipationsbewegung der letzten Jahrzehnte und auch der grösseren Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderung.

Egoismus?
Bei den Müttern meiner Befragung, die unter 45 Jahre waren, scheinen sich eigene Energien in die Richtung zu bewegen, dass sie aus der Isolation und dem Identitätsvakuum herauskom- men. Äusserungen hin zu "Egoismus" werden oft genannt. Wobei dieser Egoismus wohl nur eine "Miniausgabe" der eigentlichen Bedeutung von Egoismus sein kann. Im Leben dieser Mütter hat Egoismus eigentlich nur die Bedeutung, dass sie sich Kleinigkeiten herausnehmen, die sich Menschen in regulären Lebenssituationen täglich und in grösserem Umfang zugestehen. Hierzu einige Beispiele, die die Mütter der Befragung als "Egoismus" deklarierten: Frau H.: "Auch wenn unsere Tochter abends "meckert" und mein Mann nicht so gerne auf sie aufpasst, gehe ich trotzdem zum Sport."

Frau S.: "Wenn ich morgens einen Termin eingeplant habe und H. zeigt eine leichte Erkältung, so gebe ich ihn trotzdem zur Schule. Früher hätte ich ihn zu Hause behalten und meinen Termin abgesagt. Jetzt geht H. zur Schule, wenn es ihm einigermassen geht."

Dorothea Wolf-Stiegemeyer, Melle