Nebenwirkungen von Antiepileptika
...bei Erwachsenen
Die Lebensqualität von Menschen mit Epilepsie wird nicht nur durch die Anfälle und deren unmittelbare Auswirkungen, sondern auch von mittelbaren Einflüssen und dabei nicht zuletzt von der Verträglichkeit der zur Behandlung eingesetzten Antiepileptika (englisch: Anti-Epileptic-Drugs oder kurz AEDs) beeinflusst.
Es gibt zwar Medikamente ohne oder zumindest ohne nennenswerte Nebenwirkungen, oft haben diese aber auch keine nachgewiesene Wirkung. So sind homöopathische Mittel meist extrem gut verträglich, es konnte bisher aber bei Epilepsien auch keine Wirksamkeit belegt werden. Alle wirksamen Medikamente haben auch unerwünschte Wirkungen oder kurz Nebenwirkungen. Dies beruht zum größten Teil darauf, dass sie neben ihrer erwünschten spezifischen Wirkung - bei Epilepsien im Gehirn - aufgrund ihrer Verteilung im ganzen Körper auch dort zu Veränderungen und Reaktionen führen können. Im Magen-Darm-Kanal beispielsweise zu Durchfall, an der Haut zu einem Ausschlag, an den inneren Organen zu einer Störung der Leberfunktion oder der Blutbildung. Derartige Nebenwirkungen werden auch als unerwünschte Arzneimittelwirkungen bezeichnet. Gelegentlich können Nebenwirkungen auch einmal erwünscht sein, z. B. eine Abnahme von Appetit und Gewicht bei bestehendem Übergewicht.
Die in einer amerikanischen Erhebung bei über 800 Menschen mit Epilepsie als schwerwiegend eingestuften unerwünschten Nebenwirkungen sind - unabhängig von der Art und Dosierung der jeweiligen Behandlung - in Tabelle 1 zusammengestellt.
Ob es zu Nebenwirkungen kommt oder nicht, hängt auch von der „Empfindlichkeit“ des Patienten und seinen Erwartungen bzw. Einstellungen gegenüber Medikamenten ab. Es gibt Menschen, die Nebenwirkungen einfach „wegstecken“, während andere gewissermaßen schon beim Anblick einer Tablette einen Hautausschlag bekommen. Insofern hat es mich auch immer besonders beeindruckt, welche Nebenwirkungen in Studien mit neuen Antiepileptika bei den Patienten auftreten, die gar kein wirksames Medikament, sondern ein gleich aussehendes, aber wirkungsloses und nur aus harmlosen Stoffen bestehendes Placebo erhalten.
Tab. 1: Häufig genannte schwerwiegende Nebenwirkungen von Antiepileptika
Art der Nebenwirkung | Häufigkeit | |
Verminderung der allgemeinen „Energie“ | 40% | |
Sorgen im Hinblick auf das Bekommen eigener Kinder | 35% | |
Verminderung der Lebensqualität | 32% | |
Gedächtnisstörungen | 32% | |
Konzentrationsstörungen | 32% | |
Denkstörungen | 28% | |
Beeinträchtigung des gefühlsmäßigen und geistigen Wohlbefindens | 27% | |
Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen | 25% | |
Einschränkung der Fahrtauglichkeit | 23% | |
Beeinträchtigung der Sexualität | 19% | |
Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz | 12% |
Kürzlich haben italienische Epileptologen die entsprechenden Daten aus allen doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien mit Antiepileptika bei erwachsenen Patienten ausgewertet. Bei diesen Untersuchungen wissen weder Arzt noch Patient, ob sie das Medikament oder Placebo erhalten. In 79 Studien wurden von über 12.000 Patienten fast 7.000 mit Placebo behandelt. Immerhin 3,9 % der Patienten brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab, und insgesamt lag der Anteil der Patienten mit Nebenwirkungen unter Placebo bei 60,3 %. Die vier am häufigsten berichteten waren Kopfschmerzen (12,4 %), Schläfrigkeit (8,6 %), Schwindel (8,2 %) und Müdigkeit (7,9 %). Dabei spielten offenbar die Erwartungen der Patienten und ihrer Ärzte sowohl bezüglich der Wirksamkeit als auch Verträglichkeit des neuen Medikaments eine wesentliche Rolle.
Es würde den Rahmen dieses kurzen Artikels sprengen, im Einzelnen auf die Nebenwirkungen der verschiedenen Antiepileptika einzugehen. Wer sich diesbezüglich über sein Medikament genauer informieren möchte, kann dazu in den so genannten Beipackzetteln oder Patienteninformationen nachlesen, die jeder Arzneimittelpackung beiliegen. Allerdings sollte man sich durch oft lange Listen von beschriebenen möglichen Nebenwirkungen nicht allzu sehr verunsichern lassen. Die Herstellerfirmen sind nämlich auch ohne Nachweis eines eindeutigen Zusammenhangs verpflichtet, alle beobachteten Erscheinungen beziehungsweise möglichen Nebenwirkungen ab einer gewissen, sehr niedrigen Häufigkeit in diese Texte aufzunehmen.Bei diesen Angaben wird zwischen sehr häufig (bei über 10 %), häufig (bei zwischen 1 und 10 %), gelegentlich (0,1 bis 1 %) und selten (weniger als 0,1 %) unterschieden, was ebenfalls einen Anhaltspunkt zum möglichen Risiko geben kann. Neben möglichen Nebenwirkungen am Nervensystem wie zum Beispiel einer vermehrten Müdigkeit, Schwindel oder Doppelbildern sind Nebenwirkungen an der Haut mit am häufigsten. Rund 5 % aller mit Antiepileptika behandelten Menschen reagieren innerhalb von ein bis zwei Wochen nach Behandlungsbeginn mit einem Hautausschlag, der dem bei einer Masernerkrankung sehr ähnlich ist. Es handelt sich dabei meist um leicht erhabene rote Flecken in der Größe von kleinen Geldmünzen. Nach einem Absetzen oder einer Dosisverringerung des Medikamentes verschwindet der Ausschlag rasch wieder, und schwerwiegende, zum Beispiel mit einer Blasenbildung einhergehende Nebenwirkungen an der Haut sind selten. Allerdings sollte man nur ausnahmsweise selbst die Diagnose einer Hautallergie stellen; auch Menschen mit Epilepsie können an Masern erkranken und zahlreiche andere Hauterkrankungen können ähnlich aussehen.
Hat man den Verdacht, dass irgendwelche Störungen unter Einnahme von Medikamenten darauf zurückzuführen sein könnten und fühlt man sich dadurch beeinträchtigt, sollte man dies in jedem Fall mit seinem behandelnden Arzt besprechen. Manche Nebenwirkungen treten auch nur zu Beginn der Einnahme eines Medikamentes auf und bilden sich dann innerhalb von wenigen Wochen vollständig oder zumindest teilweise zurück, ohne dass die Einnahme beendet wird. Ein plötzliches Absetzen von Medikamenten sollte nur in Absprache mit dem Arzt erfolgen, weil es ansonsten zu Entzugsanfällen bis hin zu einem lebensgefährlichen Status epilepticus kommen kann.
In Tabelle 2 sind die wichtigsten Nebenwirkungen von Antiepileptika alphabetisch und mit einer Zuordnung der am häufigsten beteiligten Wirkstoffe zusammengestellt.
Tab. 2: Mögliche Nebenwirkungen von Antiepileptika (Wirkstoffe)
Nebenwirkung | Medikamente, bei denen dies häufiger möglich ist | |
Blutbildveränderungen | besonders Carbamazepin, Felbamat, Phenytoin, Primidon, Valproat / Valproinsäure | |
Brechreiz, Erbrechen | besonders Ethosuximid, Felbamat und Valproat / Valproinsäure | |
Doppelbilder | praktisch alle Antiepileptika | |
Fehlbildung (Kind) | besonders Valproat / Valproinsäure, verstärkt in der Kombination mit Lamotrigin, daneben fast alle anderen Kombinatiosntherapien | |
Gangunsicherheit | praktisch alle Antiepileptika (besonders bei hohen Dosen) | |
Gesichtsfeldausfälle | Vigabatrin | |
Gewichtsabnahme | Felbamat, Topiramat | |
Gewichtszunahme | Gabapentin, Pregabalin, Valproat / Valproinsäure, weniger auch Carbamazepin | |
Gleichgewichtsstörungen | praktisch alle Medikamente | |
Haarausfall | Valproat / Valproinsäure | |
Hautverfärbung (blau) | Retigabin | |
Harnverhalt | Retigabin | |
Hautausschlag, Juckreiz | besonders Carbamazepin, Kaliumbromid und Lamotrigin, daneben auch Oxcarbazepin, Phenobarbital, Primidon und Phenytoin | |
Hyponatriämie | Carbamazepin, Eslicarbazepin, Oxcarbazepin | |
Knöchelödeme | Pregabalin | |
Knochenschädigung | Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin, Primidon, Valproat / Valproinsäure | |
Konzentrationsstörungen | praktisch alle Antiepileptika | |
Kopfschmerzen | praktisch alle Antiepileptika, besonders bei Carbamazepin und Oxcarbazepin | |
Kribbeln („Ameisenlaufen“) | Topiramat, Zonisamid | |
Leberschäden | Carbamazepin, Felbamat, Valproat / Valproinsäure | |
Lymphknotenschwellung | besonders Phenytoin, aber auch Carbamazepin | |
Müdigkeit | alle Antiepileptika (Felbamat und Lamotrigin weniger oder nicht; Primidon und Phenobarbital besonders) | |
Nierensteine | Topiramat, Zonisamid | |
psychische Störungen | besonders Ethosuximid, Gabapentin, Levetiracetam, Mesuximid, | |
(u.a. Reizbarkeit) | Perampanel, Phenobarbital, Primidon, Tiagabin, Topiramat, Vigabatrin | |
Schläfrigkeit | praktisch alle Antiepileptika, besonders Perampanel, Phenobarbital und Phenytoin | |
Schlaflosigkeit | besonders Felbamat und Lamotrigin | |
Schluckauf | besonders Ethosuximid | |
Schwindel | praktisch alle Antiepileptika | |
Sprachstörungen | besonders Topiramat, seltener Zonisamid | |
vergröberte Gesichtszüge | besonders Phenytoin | |
vermindertes Schwitzen | Topiramat, Zonisamid | |
Zahnfleischwucherung | Phenytoin | |
Zittern (Tremor) | besonders Valproat / Valproinsäure |
Das polyzystische Ovarien-Syndrom (POS) wurde erstmals vor fast 100 Jahren (1921) und ohne Zusammenhang mit Epilepsie beschrieben, in der Folge dann 1935 genauer von den beiden US-amerikanischen Gynäkologen L. F. Stein und M. L. Leventhal (häufiger wird deswegen auch von einem Stein-Leventhal-Syndrom gesprochen). In den Eierstöcken der betroffenen Frauen finden sich zahlreiche Zysten und im Blut eine Zunahme der männlichen Geschlechtshormone.
Ein POS kommt auch bei etwa 4 % aller Frauen ohne Epilepsie vor, eine Häufung bei Epilepsie, besonders Temporallappen-Epilepsie, wurde erstmals 1984 beschrieben. Später fand sich eine eindeutige Häufung unter Einnahme von Valproat bzw. Valproinsäure, was u. a. ein Grund für den Marketingerfolg der Herstellerfirma von Lamotrigin als (vermeintlich) ideales Antiepileptikum für jüngere Frauen war. Im Gegensatz zum üblichen POS bildet sich das unter Einnahme von Valproat bzw. Valproinsäure aber nach Absetzen vollständig zurück. Alle Frauen mit Epilepsie, die mit Valproat bzw. Valproinsäure behandelt werden, sollten bei Unregelmäßigkeiten ihres Zyklus bzw. Hinweisen auf erhöhte Blutwerte von männlichen Geschlechtshormonen (wie z. B. Bartwuchs) mit ihrem Gynäkologen sprechen und durch eine Ultraschall- und Blutuntersuchung klären lassen, ob bei ihnen ein POS vorliegt.
Die vermehrte Reizbarkeit (bis hin zu Aggressivität) unter dem ansonsten gut wirksamen und verträglichen Levetiracetam ist ursächlich noch nicht klar, nach einer Untersuchung der Bonner Universitätsklinik für Epileptologie scheinen auch genetische Einflüsse beteiligt zu sein.
Diese Nebenwirkung tritt bei 10-20 % der mit Levetiracetam behandelten Patienten auf, weshalb ich alle von mir damit behandelten Patienten zu Beginn auf diese Möglichkeit hinweise und um Kontaktaufnahme bei entsprechenden Störungen bitte. Ich habe zwei Paare in meiner Sprechstunde gehabt, wo mir der jeweils gesunde Partner sagte, es sei ja ganz schön, dass ihr Mann bzw. ihre Frau durch Levetiracetam anfallsfrei geworden sei, sie würden sich wegen der nicht mehr auszuhaltenden Reizbarkeit aber dennoch trennen bzw. scheiden lassen, wenn sich nicht bald etwas ändere. Eine Dosisreduktion bringt meistens nichts oder nur wenig, in aller Regel ist eine Umstellung auf einen anderen Wirkstoff erforderlich.
Zum Schluss möchte ich auch nochmals darauf hinweisen, dass kognitive Störungen wie Beeinträchtigungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis- oder Konzentration bei Menschen unter einer Behandlung mit Antiepileptika ohne Zweifel häufiger vorkommen, aber zu einem Teil auch Folge der Erkrankung selbst und keine Nebenwirkung der eingesetzten Antiepileptika sind.
Dr. med. Günter Krämer, Zürich
Kontakt:
Dr. med. Günter Krämer
Neurozentrum Bellevue
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8001 Zürich
Schweiz
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