„Der Epileptiker - mein Schützling?“ - Epikurier

„Der Epileptiker - mein Schützling?“

Quelle: © pixabay.com

Deutsche Sprache, schwere Sprache …

 

„Erneuter tonisch-klonischer Anfall bei bekanntem Epileptiker“ las ich vor ein paar Wochen in einem Arztbrief, den ein Mann in unsere Beratungsstelle mitgebracht hatte.

 

Das Zitat stammt von einem Oberarzt, zwar keines Epilepsiezentrums, aber einer neurologischen Station eines als gut eingestuften Krankenhauses einer mittelgroßen Stadt in Süddeutschland. Der kurze Aufenthalt nach der Einlieferung per Rettungswagen war keine große Sache – über die Formulierung des Fachmanns wunderte ich mich dagegen sehr.

 

„Epileptiker“ – dieses Wort ist schon jedem untergekommen, viele verwenden es gegenüber anderen und einige Betroffene bezeichnen sich auch selbst so. Viele dagegen stört die Bezeichnung als „Epileptiker“ – und andere verstehen wiederum nicht warum.

 

Wir alle benutzen im alltäglichen Sprachgebrauch ja oft Bezeichnungen für Menschen, die auf ein Wort reduziert werden, wir sprechen von dem „Fußballer“, dem „Tänzer“, dem „Sänger“ oder dem „Vegetarier“. All diese genannten Bezeichnungen für Menschen, die eine herausstechende Eigenschaft haben, werden meist als positiv angesehen, zumindest als neutral. Deshalb werden sich nur wenige daran stören – was sollte schließlich Franz Beckenbauer dagegen haben, wenn man ihn als „Fußballer“ bezeichnet? Warum sollte man sich die Mühe machen und ihn „als Mensch, der Fußball gespielt hat“ bezeichnen?

 

Gehen wir zurück in die Beratungsstelle und stellen uns nun das Krankenhaus vor, in dem der Mann nach seinem Anfall eingeliefert wurde. Dort gibt es viele positiv besetzte Begriffe für Menschen wie zum Beispiel „Arzt“ oder „Pfleger“ – höchstens altbacken wird es eventuell bei „Schwester Hildegard“ J.

 

Betrachtet man die Krankheiten oder akuten Vorfälle vieler Patienten dort in der Notaufnahme, könnten diese z. B. aufgrund eines Asthmaanfalls, eines epileptischen Anfalls, eines Zuckerschocks, einer klaffenden blutenden Wunde oder einer akuten Psychose dort sein. Und so werden Menschen schließlich zum „Asthmatiker“, „Diabetiker“, „Bluter“, „Psychotiker“ – und eben auch zum „Epileptiker“. Überwiegend werden diese Bezeichnungen und Begriffe – wie in diesem Artikel auch – noch dazu rein in der männlichen Form verwendet.

 

Wenn wir uns die genannten Krankheiten ansehen, fällt auf, dass es sich um chronische Erkrankungen handelt. Akute Krankheiten wie z. B. Grippe oder Windpocken verwendet man dagegen nicht als Bezeichnung für einen Menschen.

 

Es gibt aber auch chronische Krankheiten, die nicht als Zuschreibung für Menschen benutzt werden. Die meisten von uns hatten oder haben wohl einen Krebspatienten im Verwandten- oder Bekanntenkreis. Käme jemand auf die Idee, diese Person „Krebser“ zu nennen? Auch wenn die Person schon seit zehn Jahren mit dem Krebs kämpft, was einen chronischen Verlauf bedeutet? Nein, das würde niemand tun weil... Ja warum eigentlich nicht, wenn es doch auch „den Epileptiker“ gibt? Aus dem ganz einfachen Grund, weil „man sowas nicht sagt“ und es womöglich ja eine Beleidigung oder Herabsetzung des Betroffenen wäre.

 

In der Bevölkerung wird bei vielen Menschen Epilepsie meist als etwas „Schlechtes“ oder „Schlimmes“ (wie Krebs auch) angesehen und noch dazu sind es viele gewöhnt, Menschen mit der chronischen Erkrankung Epilepsie als „Epileptiker“ zu betiteln. Auch wenn es bei den meisten keine böse Absicht sein mag, ist dieser Begriff eine reine Diskriminierung – sie reduziert einen Menschen mit seiner ganzen Geschichte und seinen ganzen Eigenschaften und seiner Einzigartigkeit auf ein einziges negativ besetztes Wort. „Epileptiker“ dient hier als Stempel oder vielmehr als Schublade, in den der Mensch, der Epilepsie hat, gesteckt wird.

 

Und deshalb sollten wir alle weiter daran arbeiten, dass „Epileptiker“ aus dem Wortschatz verschwindet. Genauso wie „Diabetiker“, „Bluter“ oder „Spastiker“. Die Alternative, nun auch „Krebser“ zu verwenden, ist ja nun wirklich keine.

 

Viele werden einwenden, dass man „Wichtigeres zu tun habe“, als sich um einzelne Begriffe zu kümmern und nicht ständig alles ändern könne. Andere werden behaupten, dass es mit der „politischen Korrektheit“ jetzt aber langsam reichen und man nicht jede Mode mitmachen müsse. Nach dieser Logik wären allerdings die „Epileptiker“ noch immer „Fallsüchtige“, die mit anderen „Schwachsinnigen“, „Idioten“ und „Krüppeln“ in einen Topf geworfen werden würden.

 

In einer inklusiven Gesellschaft hat das Wort „Epileptiker“ nichts zu suchen. Wie schwer es ist, diskriminierende Begriffe wegzubekommen, kann die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung erzählen, die seit Jahrzehnten gegen den Begriff „Behinderte“ ankämpft – und zwar erfolgreich, auch wenn es seine Zeit dauert.

 

Der Mann mit dem Arztbrief war übrigens nicht mein „Klient“, sondern mein „Beratener“. „Klient“ (lat. clientis) bedeutet u. a. „Abhängiger“ und „Höriger“ – oder eben „Schützling“.

Roman Kollar,

momentan tätig als Sozialpädagoge in der Epilepsieberatung Oberfranken