»Das mache ich jetzt selbst«
Wie Kinder und Jugendliche mit Epilepsie lernen, ihre Medikamente selbst einzunehmen
Das Schulungsprogramm Flip & Flap informiert Kinder und Jugendliche über die Erkrankung. Sie erfahren, was im Gehirn bei einem Anfall passiert, wie verschieden Anfälle aussehen und vieles mehr. Ein wichtiger Bestandteil der Schulung ist, dass Betroffene in die selbstständige Medikamenteneinnahme hineinwachsen.
Von Flip, Flap und der großen Schaltzentrale im Kopf
Im Kopf eines jeden Menschen arbeitet eine riesige Schaltzentrale – das Gehirn. Diese Schaltzentrale ist dafür zuständig, dass alles funktioniert: Denken, Fühlen, Sprechen, Sehen, Laufen, Schlafen – einfach alles. Dort arbeiten unzählige Nervenzellen, die sich gegenseitig Nachrichten schicken und dafür sorgen, dass alles immer rund läuft. Bei Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie gibt es Nervenzellen, die gelegentlich einen Fehler machen, der dann zu einem epileptischen Anfall führt.
Es existieren Medikamente, sogenannte Anfallssuppressiva. Sie helfen dabei, dass es zu weniger oder idealerweise gar keinen Fehlern und damit epileptischen Anfällen kommt. Doch damit das auch funktioniert, ist eines besonders wichtig: Die Medikamente müssen regelmäßig und richtig eingenommen werden. Und genau das ist gar nicht so einfach – vor allem für Kinder und Jugendliche, die lernen wollen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.
Flip, Flap und die Medikamente
Im Schulungsprogramm Flip & Flap, das speziell für Kinder und Jugendliche mit Epilepsie entwickelt wurde, lernen die Teilnehmenden spielerisch, wie ihre Krankheit funktioniert – und wie sie selbst aktiv mithelfen können, gesund zu bleiben.
Flip und Flap sind zwei Nervenzellen aus der großen Schaltzentrale. Flip ist zuverlässig und sorgt dafür, dass die Nachrichten reibungslos ankommen. Flap hingegen ist ein bisschen schusselig – er vergisst schon mal, wo die Signale hinmüssen. Wenn Flap zu ungeschickt ist, kann es zu einem Anfall kommen. Doch die Medikamente helfen, Flap zu stärken, sodass ihm weniger oder gar keine Fehler mehr passieren.
Schritt für Schritt zur Selbständigkeit
Viele Eltern fragen sich: »Ab wann kann mein Kind seine Medikamente selbst einnehmen?« Damit kann schon bei Kindern im Grundschulalter begonnen werden und es lohnt sich, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Das Flip & Flap-Programm zeigt, wie das funktionieren kann:
1. Wissen aufbauen
Kinder lernen, wie das Medikament heißt, wozu es gut ist und wie es wirkt. Wissen schafft Sicherheit – und motiviert: »Ich weiß, warum ich die Tablette nehme!«
2. Routine entwickeln
Ein fester Zeitpunkt (z. B. nach dem Zähneputzen oder Frühstück) hilft dabei, die Einnahme nicht zu vergessen. Ein Tablettenplan oder ein Dispenser mit Fächern für jeden Wochentag kann zusätzlich helfen. Jugendliche nutzen auch den Timer im Handy.
3. Mitmachen lassen
Schon Grundschulkinder können unter Aufsicht ihre Tablette selbst aus dem Blister drücken oder in den Dispenser sortieren. Mit Lob und Geduld wächst das Zutrauen: »Ich darf das schon selbst machen!«
4. Verantwortung übertragen – in kleinen Schritten
Jugendliche können ihre Medikamente selbstständig einnehmen – vorausgesetzt, sie wissen, wie wichtig das ist. Bei Nutzung eines 7-Tage-Dispensers können die Eltern überprüfen, ob die Tabletten genommen wurden, ohne dass dieses Thema ständig angesprochen werden muss. Dadurch fühlen Jugendliche sich nicht ständig kontrolliert und besser wertgeschätzt in ihrer Eigenständigkeit.
5. Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben
Bei älteren Jugendlichen geht es auch darum, sich eigenständig um den Tabletten-Nachschub zu kümmern und selbst Kontrolltermine zu vereinbaren. Erinnerungsfunktionen können auch hierfür helfen. Sichtbare Einträge in Familienkalendern zu Rezeptbestellungen oder vereinbarten Terminen ermöglichen den Jugendlichen eine Eigenverantwortung und den Eltern eine Kontrollmöglichkeit, ohne durch permanente Nachfragen die Eigenverantwortung der Jugendlichen infrage zu stellen.
Tipps aus dem Flip & Flap-Programm
- Erklärt es kindgerecht: Nutzt das Bild der großen Schaltzentrale und erzählt von Flip und Flap – so wird die Krankheit verständlich und verliert ihren Schrecken.
- Macht es sichtbar: Ein Wochenplan oder ein buntes Einnahmeprotokoll macht Erfolge greifbar.
- Belohnt Erfolge: Ein »Experten-Stempel« für jede Woche mit regelmäßiger Einnahme kann sehr motivieren.
- Redet offen: Fragt euer Kind, wie es mit der Einnahme zurechtkommt. Manche Kinder möchten gern mehr Verantwortung, andere brauchen länger.
- Bleibt ein Team: Selbstständigkeit heißt nicht, dass Eltern sich zurückziehen. Es heißt: Gemeinsam wachsen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Lena, 10 Jahre:
»Am Anfang hat Mama mir die Tablette jeden Morgen gegeben. Dann durfte ich sie selbst aus der Dose holen. Jetzt stelle ich mir sogar den Wecker, damit ich’s nicht vergesse. Ich finde es cool, dass ich das kann.«
Lenas Mutter:
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie das so gut schafft. Aber durch den Kurs hat sie verstanden, wofür die Tabletten gut sind – und dass sie nicht ‚krank‘ ist, nur weil sie sie nimmt. Das hat uns beiden geholfen.«
Warum es sich lohnt
Die regelmäßige Einnahme von Anfallssuppressiva ist das wichtigste Mittel, um Anfälle zu verhindern. Kinder und Jugendliche, die früh lernen, dafür Verantwortung zu übernehmen, erleben nicht nur mehr Sicherheit – sie gewinnen auch Selbstvertrauen und lernen, ihre Erkrankung zu akzeptieren. Denn wer weiß »Ich kann auf mich achten!«, der wird stark – auch über die Epilepsie hinaus.
Simone Fuchs,
Epilepsieberatung Unterfranken
Prof. Dr. Juliane Spiegler,
Kinderklinik Universitätsklinikum Würzburg
Infos zur nächsten Schulung:
Flip & Flap-Schulung für Jugendliche mit Epilepsie und deren Eltern in der Universitätskinderklinik Würzburg: 25./26.10.2025
Anmeldung und weitere Informationen: flip-flap(at)ukw.de





