Epilepsie und Sport – Chancen und Risiken - Epikurier

Epilepsie und Sport – Chancen und Risiken

Ein geeignetes körperliches Training kann den Sauerstoffbedarf des Herzens senken, positiv auf Herzrhythmusstörungen und gegen hohen Blutdruck wirken, Arteriosklerose vermindern, Psyche und Wohlbefinden anheben und wie kaum eine andere Freizeitbeschäftigung für soziale Integration sorgen. Seit einiger Zeit ist zudem bekannt, dass es das Wachstum und die Differenzierung von Nervenzellen im Zentralen Nervensystem maßgeblich unterstützen kann. All diese Wirkungen können durch sportliche Betätigungen zumeist ohne gefährliche Nebenwirkungen erzielt werden. Gilt dies auch für Patienten mit einer Epilepsie? Und wenn ja, warum wird diese Therapieform so selten wahrgenommen?

Bei dem Gedanken, eine Sportart auszuüben, sind Betroffene häufig von der Furcht besetzt, was während der körperlichen Betätigung, vornehmlich durch einen epileptischen Anfall, passieren könnte. Dabei sind epileptische Anfälle während sportlicher Aktivitäten und hierdurch verursachte Verletzungen sehr selten. Es sind bereits mehrfach einzelne Sportarten für Epilepsie-Patienten empfohlen oder nicht empfohlen worden (z.B. durch die Epilepsie-Zentren in Bethel und Zürich oder das Fachkrankenhaus Neckargemünd). Dabei wird zumeist zwischen gefahrlos auszuübenden Sportarten (wie z.B. Leichathletik oder Ballspiele), Sportarten mit Sicherheitsauflagen (wie z.B. Wassersport oder Reiten) und potenziell ungeeigneten Sportarten (wie z.B. Motor- oder Flugsport) unterschieden. Wichtig ist im Einzelfall die Absprache mit dem Arzt, der idealerweise den Patienten mit seiner epileptologischen Vorgeschichte beraten kann und ggf. auch sportmedizinische Untersuchungen durchführt oder anordnet, um eine optimale individuelle Beratung zu gewährleisten.

Insbesondere der individuellen Vorgeschichte des Epilepsie-Patienten sollte dabei Rechnung getragen werden. Die Ausübung einer Sportart sowie das damit verbundene Risiko sollte in Abhängigkeit des Epilepsiesyndroms, der Anfallsart und -frequenz sowie von möglicherweise bestehenden zusätzlichen Erkrankungen oder Behinderungen erfolgen, da all diese Faktoren Einfluss auf das Auftreten von Anfällen beim Sport haben können. Berücksichtigt werden sollte ferner auch die antiepileptische Therapie, insbesondere hinsichtlich Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder einer Herabsetzung des Reaktionsvermögens, aber auch in Bezug auf Probleme des Knochenstoffwechsels, die unter Umstände die zusätzliche Gabe von Calzium und/oder Vitamin D3 bedingen.

Auch der körperliche Fitnesszustand des Einzelnen kann bei der Planung sportlicher Aktivitäten eine Rolle spielen, da Betroffene, die keiner oder nur selten einer körperlichen Betätigung nachgehen, zu Beginn der Belastung eine Anfallsprovokation erleiden können. Dies sollte jedoch prinzipiell einer Empfehlung, Sport zu treiben, auf keinen Fall im Wege stehen. Vielmehr sollten gerade bislang bewegungsarme Patienten auf die möglichen positiven Effekte einer Bewegungstherapie hingewiesen, jedoch in der Anfangsphase etwas engmaschiger kontrolliert werden.

Bislang ist das Auftreten von Anfällen durch Sport bei Personen mit bekannter Epilepsie kontrovers diskutiert. Wenngleich keine Zweifel an den beschriebenen positiven Effekten durch körperliche Bewegung bis hin zu einem anfallsreduzierenden Einfluss bestehen, nähren einzelne Berichte über eine Anfallsprovokation die Angst von Patienten mit Epilepsie vor der Ausübung einer Sportart. Diese konnte jedoch bislang nicht statistisch signifikant belegt werden – es wird vermutet, dass der Anteil dieser Betroffenen bei ca. 5 % aller Epilepsie-Patienten, die Sport betreiben, liegt. Positive Effekte durch Sport werden hingegen bei ca. 40 % der Patienten beschrieben. Hierzu kann auch eine Abnahme von epilepsietypischen Veränderungen im EEG gehören.

Wichtig bei der Planung sportlicher Aktivitäten ist neben der Auswahl der Sportart auch die Dosierung der Belastungsintensität. Die eingangs dargestellten positiven Effekte durch sportliche Betätigung lassen sich durch eine moderate Intensität der sportlichen Belastung erzielen. Sowohl für an Epilepsie erkrankte Menschen als auch  für gesunde Sportler gilt, dass zu hohe Belastungen negative Effekte auf Herz-/Kreislauf-System, Immunabwehr und auch Funktionen des Zentralen Nervensystems haben können. Daher ist auch die Belastungsintensität den jeweiligen Zielen anzupassen, am besten in Absprache mit dem Arzt. Im Fall von Leistungssport ist in jedem Fall die Betreuung durch einen Sportmediziner notwendig.

Auch wenn all die beschriebenen individuellen Zweifel beseitigt sind, finden Patienten mit Epilepsie häufig nicht den Zugang zu regelmäßiger körperlicher Betätigung, da es kaum organisierte Sportgruppen gibt, die auf die Wünsche, Zweifel und Bedürfnisse von Epilepsiekranken eingehen. Sportgruppen für Patienten nach Herzinfarkt oder Schlaganfall sind nunmehr etabliert, Gruppen für Epilepsie-Patienten sind aktuell noch vornehmlich einzelnen Rehabilitationskliniken vorbehalten. Dies liegt zum Teil auch an der fehlenden epileptologischen Ausbildung der Übungsleiter, die nicht selten Scheu und Angst vor Anfälle haben. Diesem Missstand sollte unbedingt nicht zuletzt aufgrund der hohen Anzahl an Epilepsie-Patienten Abhilfe geschaffen werden, um auch diesem Personenkreis ein adäquates, organisiertes sportliches Angebot zu verschaffen, insbesondere mit integrativem Charakter durch Mischung von Betroffenen mit gesunden Sportlern.

Mehr als 50 % aller Patienten mit Epilepsie führen einen Lebensstil, der von Bewegungsarmut gekennzeichnet ist. Um diesen Patientenkreis eine sportliche Betätigung und damit eine einmalige Therapieform zu ermöglichen, bedarf es weiterer Aufklärung durch die behandelnden Ärzte, eines wachsenden Angebots mit qualifizierten Gruppenleitern und – nicht zuletzt – des Mutes und der Überwindung des „inneren Schweinehunds“ eines jeden Betroffenen.

Dr. Dr. C. Reinsberger,
Neurologische Klinik und Poliklinik
Bayerische Julius-Maximilians-Universität
Würzburg

 


Zusätzlicher Hinweis:
Die Broschüre „Sport bei Anfallskrankheiten“ von Dr. med. Christian Lipinski (Fachkrankenhaus Neckargemünd) steht im Internet als PDF-Download unter Opens external link in new windowwww.epilepsie-forum.de zur Verfügung.