STOPP DEN ANFALL - Epikurier

STOPP DEN ANFALL

         © Peter Smola / pixelio.de

Anfallsunterbrechung zuhause und unterwegs


Wenn Kinder oder Erwachsene einen tonisch-klonischen Anfall, also einen Grand mal haben, fühlen sich die Beobachter oft hilflos, manchmal geschockt. Das eigene Zeitgefühl verzerrt sich und Sekunden werden zu Stunden. In vielen Fällen endet solch ein Anfall nach wenigen Minuten von selbst. Diese Zeitspanne ist allerdings für Zuschauer manchmal nicht auszuhalten und bisweilen beschleicht einen das Gefühl, dass daraus doch ein Status, ein länger dauernder Anfall, wird, der unterbrochen werden muss.

Für die Unterbrechung von Anfällen existieren verschiedene Notfallmedikamente, die von Laien gegeben werden können: Zum einen gibt es die bekannte Diazepam-Rektiole, Diazepam Desitin® rectal tube, die den Wirkstoff Diazepam enthält. Es handelt sich dabei um eine Flüssigkeit, die man mit Hilfe einer kleinen Tube in den Po verabreicht. Dabei sollte man darauf achten, dass die Tube beim Herausziehen weiterhin gedrückt gehalten wird, sonst saugt sie die Flüssigkeit wieder zurück.

Da diese Verabreichungsform für ältere Kinder und Erwachsene sozial nicht akzeptabel und auch praktisch nicht immer möglich ist, wird auch Tavor Expidet® verordnet. Dieses Präparat enthält den Wirkstoff Lorazepam. Es handelt sich dabei um ein kleines Plättchen, das in die Wangentasche gegeben wird, wo es sich schnell auflöst. Der Wirkstoff wird z. T. über die Schleimhaut und vor allem über den Speichel durch den Verdauungstrakt aufgenommen. Anders als bei einer Tablette, lässt sich dieses Plättchen nicht durch Herausdrücken, sondern nur durch das Abziehen der Schutzfolie von der Blisterverpackung entnehmen.

Neu auf dem Markt ist das Notfallmedikament Buccolam® für Kinder, das den Wirkstoff Midazolam enthält. Es handelt sich dabei um Fertigspritzen, mit denen die Flüssigkeit in die Wangentasche verabreicht wird. Je nach Alter und Gewicht des Kindes werden Spritzen mit 2,5 mg, 5 mg, 7,5 mg und 10 mg angeboten.

Chloralhydrat-Rectiolen®, die auch zur Anfallsunterbrechung eingesetzt werden, sind vor einiger Zeit vom Markt genommen worden, können aber bei Bedarf noch in der Apotheke angefertigt werden. Sie werden wie die Diazepam-Rectiolen (siehe oben) verwendet.

Für die Anfallsunterbrechung zugelassen sind in Deutschland nur Diazepam Desitin® rectal tubes (für Kinder und Erwachsene) und Buccolam® (für Kinder von 6 Monaten bis 18 Jahren). Die Anwendung von Tavor Expidet® ist zwar üblich, aber Off-label, da es nicht zur Anfallsunterbrechung zugelassen ist. Unter Off-label-Use versteht man die Verordnung eines zugelassenen Medikaments für ein Anwendungsgebiet, das nicht von der Zulassung abgedeckt wird.

In Studien haben sich sowohl Diazepam als auch Midazolam als wirksam erwiesen, jedoch mit einem schnelleren Wirkeintritt bei Midazolam. In einigen Studien zeigte Midazolam auch eine höhere Erfolgsquote als Diazepam. Midazolam wird zudem im Körper schneller abgebaut, so dass der von Patienten und Eltern wenig geschätzte „Überhang“(d. h. der Betroffene ist noch stundenlang nach der Gabe müde und schlapp), der auch bei Lorazepam so unangenehm ist, vermieden werden kann.

In der praktischen Anwendung sind die Midazolam-Präparate unschlagbar, da der Patient nicht erst entkleidet werden muss und die soziale Akzeptanz einer oralen Gabe weitaus höher ist als bei rektalen Darreichungsformen.

Trotzdem sollte man sich überlegen, ob der Anfall überhaupt unterbrochen werden muss, denn ein Anfall, der mit Notfallmedikament nach 5 Minuten endet, hätte auch ohne dieses von alleine aufgehört, denn diese Zeit muss man rechnen, bis ein Notfallmedikament überhaupt wirksam wird.

Sind in der Vorgeschichte eines Patienten allerdings wiederholt Staten aufgetreten, sollte man mit dem Arzt ein Status-Management besprechen und gegebenenfalls frühzeitig unterbrechen oder sofort den Notarzt rufen.

Susanne Fey, Wuppertal