Epilepsien besser verstehen - Epikurier

Epilepsien besser verstehen

Bis auf den heutigen Tag sind die Vorstellungen von der Funktion des Gehirns und damit auch von Epilepsien teilweise verworren und irreführend. So war in einem Schreiben eines Betroffenen zu lesen, dass eine Brille auf den „Epilepsienerv“ einwirken könne. Andere befürchten eine Geisteskrankheit zu haben, viele Eltern haben Angst, ihr Kind könne im Anfall sterben. Mystische Vorstellungen bestehen von Alters her. Im Mittelalter, aber in manchen Vorstellungen auch noch heute, wird Epilepsie mit Besessenheit gleichgesetzt. Eine Mutter berichtete mir über ihren Sohn: „Im Anfall hat er immer den Teufel in den Augen“.
Diese Vorstellungen rühren aus einer falschen Vorstellung von der Funktionsweise unseres Nervensystems, insbesondere des Gehirns. Wir wollen uns daher zunächst der normalen Funktion von Nerven und Gehirn zuwenden.

Die normale Funktion von Nerven und Gehirn


Aufbau des Nervensystems
Das Nervensystem ist vergleichbar mit einem Computersystem, das ein Haus steuert.
Der zentrale Rechner entspricht dem Gehirn, die Nerven den Elektrokabeln zu den Steckdosen, Lichtschaltern, Sensoren etc..

Wie funktioniert Nervenleitung?
Die Funktion der Nervenzellen und der Zellen im Gehirn ist im Wesentlichen gleich und kann mit der eines Blitzlichtes verglichen werden:
Zu einer Nervenzelle, im Gehirn als Neuron bezeichnet, kommen Impulse, welche die Nervenzelle erregen oder hemmen. Wird die Nervenzelle ausreichend erregt, dann gibt die Nervenzelle einen Stromstroß ab, vergleichbar mit dem Blitz. Und genau wie das Blitzgerät, benötigt die Nervenzelle eine Ruhepause, um sich für den nächsten „Blitz“ aufladen zu können.

Während dieser Ruhepause kann die Nervenzelle keine weiteren Informationen übermitteln oder empfangen.

Jede Nervenzelle hat mindestens einen Partner, dem sie die Informationen übermittelt, bei den Nerven sind dies einerseits die Organe wie z.B. Muskelzellen. Oder aber, sie leitet die Informationen aus den Sensoren zum Gehirn, z.B. Informationen der Schmerzrezeptoren.

Die Ruhepause, die eine Nervenzelle einlegen muß, um wieder funktionieren zu können, wird uns bei den Anfällen noch weiter beschäftigen. In der normalen Funktion bedeutet dies, dass wir bestimmte Dinge nur mit einem bestimmten Zeitabstand als einzelne Reize wahrnehmen können. Dies macht sich z.B. der Film und auch das Fernsehen zu Nutze. Die Lichtpunkte ändern sich mit einer Geschwindigkeit, die vom Auge noch als anhaltend wahrgenommen wird, obwohl tatsächlich immer wieder schwarze Lücken vorhanden sind. Ein Film ist ja nichts anderes als eine Reihe von einzelnen Bildern, die mit einer bestimmten Geschwindigkeit abgespielt werden. Daraus entsteht der Eindruck einer Bewegung, solange die Bilder nur schnell genug aufeinander folgen. Spielt man den Film zu langsam ab, dann können wir auch die einzelnen Bilder wahrnehmen z.B. bei alten Filmen, die immer wieder „Ruckeln“, weil die Kurbel ungleichmäßig gedreht wurde. Als Kinder liebten wir das „Daumenkino“, bei dem uns einzelne Bilder als kleiner Film erscheinen, wenn sie nur schnell genug hintereinander gezeigt werden.

Wie ist das Gehirn aufgebaut?

Unser Gehirn besteht aus einer Ansammlung von Nervenzellen, den Neuronen, die sich an de Oberseite des Gehirns, in der sog. „Grauen Substanz“ oder auch Hirnrinde befinden und ihren Leitungssträngen, welche die „Weiße Substanz“, das Mark bilden.

Unter dem Mikroskop betrachtet, nehmen die Zellen unterschiedliche Plätze in sieben Schichten ein. Je nach Ort der Zelle ist ihr eine unterschiedliche Funktion zugeordnet. Bei einigen Erkrankungen können die Schichten ungeordnet sein, die Hirnrinde ist dann zu dick.

Wie erfolgt die Verarbeitung im Gehirn?

Die Zellen des Gehirns sind beständig in Tätigkeit. Es besteht immer eine sogenannte Grundaktivität, die im Schlafen langsamer ist als im Wachen.

Dies ist vergleichbar mit einem Raum mit Blitzlichtern, von denen in ungeregelter Reihenfolge immer ein Blitzlicht Licht abgibt. Bei Verarbeitung von Information blitzen mehrere Blitzlichter gleichzeitig. Die „Lichtmuster“ bestimmen die weitergeleitete Information. Zu jedem Blitzlicht gibt es mindestens einen Empfänger. Es werden von einem Blitzlicht immer die gleichen Empfänger angesprochen.

Im EEG kann man die Aktivität des Gehirns als Gehirnströme, ähnlich dem EKG, messen. Je mehr Blitzlichter gleichzeitig leuchten, desto höher sind die Wellen, je schneller sie hinter einander leuchten, desto häufiger blitzt eines der Blitzlichter.

Funktionsbereiche des Gehirns
Wie auf einer Festplatte im Computer sind die Informationen und „Programme“ des Gehirns an bestimmten Stellen abgelegt. Es gibt Programme, die angeboren sind und solche, die erlernt wurden.

Zu den angeborenen Programmen gehört z.B. das Laufen. Selbst wenn ein gesundes Kind bis zu seinem ersten Lebensjahr keine Möglichkeit hat, Laufen zu lernen, wird es dies mit ca. 1 Jahr können. Dies zeigte sich z.B. bei den Indianern, die ihre Säuglinge auf dem Rücken eingeschnürt trugen. Auch diese Kinder konnten mit ca. 1 Jahr laufen. Andererseits nutzen Maßnahmen, die ein Kind früher zum Laufen bringen sollen, in der Regel nichts. Die Hirnreifung, das Programm, in dem die Fähigkeit zu Laufen abläuft, lässt sich beim gesunden Kind nicht beschleunigen. Daher musste festgestellt werden, dass z.B. „Gehfrei“ keine Beschleunigung des Laufenlernens brachte.


Andere Programme müssen erst erlernt werden, wie z.B. Fahrradfahren oder mit dem Löffel essen. Jede Funktion, wie Fühlen, Bewegen, Sehen, Hören, etc. hat im Gehirn einen bestimmten Platz. Es ist möglich Landkarten vom Gehirn zu zeichnen, die z.B. das Sprachzentrum darstellen oder die Gegend, in der die Information der Augen verarbeitet wird. Die Arbeit unseres Gehirns ist in unterschiedliche Aufgaben unterteilt. So hören wir einen Satz, verstehen in einer anderen Region die Worte und setzen diese wiederum an einer anderen Stelle in einen sinnvollen Zusammenhang. Die Stationen, in denen die Verarbeitung stattfindet, werden immer in der gleichen Reihenfolge wahrgenommen, die sind wie durch Autobahnen verbunden.

Leitungswege des Gehirns
Die Programme unseres Gehirns laufen nicht unabhängig von einander ab, sondern stehen zu einander in Beziehung. So können wir z.B. nur einen Apfel greifen, weil

  • unsere Augen diesen auf der Netzhaut wahrnehmen
  • dies an das Sehzentrum im Hinterlappen des Gehirns weiter gemeldet wird.
  • Das Sehzentrum meldet die Eindrücke an den Schläfenlappen, der die Information mit bekannter Information vergleicht und feststellt, dass es sich um einen Apfel handelt.
  • In verschiedenen Bereichen des Gehirns erfolgen jetzt Entscheidungsprozesse, ob wir den Apfel greifen wollen.
  • Danach erfolgt über die motorische Rinde der Befehl an den Arm, den Apfel zu greifen.
  • Die Bewegung des Armes wird einerseits von Kleinhirn, andererseits über das Sehzentrum gesteuert.


Um diese Bearbeitung zu beschleunigen, sind Ausbreitungswege der Erregung vorgegeben. Funktionen, die häufig gleichzeitig genutzt werden, haben besonders starke Verbindungen. Unzusammenhängende Funktionen können über Zwischenstellen zusammen arbeiten.

Gestörte Funktion des Gehirns

Einige Funktionsweisen des Gehirns konnten nur erforscht werden, weil die Störung der Funktion die Zusammenhänge aufgezeigt hat. So werden z.B. Boxer im Laufe der Zeit stur, unflexibel, jähzornig, unbeherrscht. Es hat sich gezeigt, dass dies auf die ständige Verletzung des vorderen Hirnlappens zurückzuführen ist. Wenn dieser geschädigt ist, kann sich der Mensch nicht mehr auf wechselnde Situationen einstellen und neigt dazu, monoton immer das gleiche zu tun, z.B. in einer Schüssel zu rühren.

Ursachen


Eine Störung der Hirnfunktion kann vielfältige Ursachen haben.

  • Durch einen „Programmfehler“ in der Erbsubstanz kann es zu einem falschen Aufbau des Gehirns kommen.
  • Die „eingebauten Programme“ des Gehirns können fehlerhaft sein, d.h. die Informationsverarbeitung funktioniert nicht wie bei anderen Menschen.
  • Während der Schwangerschaft können unterschiedliche Störungen (Medikamente, Rauchen, Alkohol, Strahlung,.....) zu einer Schädigung des Gehirns führen. So kann es z.B. zu Migrationsstörungen kommen. Migrationsstörung heißt, dass die Nervenzellen nicht an den Ort wandern, an den sie eigentlich gehören.
  • Bei der Geburt kann es zu Sauerstoffmangel oder anderen Komplikationen kommen, die Nervenzellen absterben lassen.
  • Durch eine Hirnentzündung kann es zu einer Funktionsstörung, ggf. auch einer Schädigung kommen.
  • Verletzungen des Gehirns durch unterschiedlichste Gewalteinwirkung, Gifte, etc. führen zu Zellzerstörungen und Funktionsstörungen.



Symptome

Die Symptome, die eine Schädigung des Gehirns anzeigen, sind weniger abhängig von der Ursache der Störung, als von dem Ort, an dem die Störung auftritt. Die Störung kann sich äußern als Überfunktion oder Unterfunktion des Gehirns.


Bei Unterfunktion des Gehirns sind die Hirnströme verlangsamt. Ist das gesamte Gehirn betroffen, ist der Mensch komatös oder zumindest bewusstlos. Diese Reaktion finden wir z.B. häufig bei der Gehirnerschütterung. Nach einem heftigen Schlag auf den Kopf verlieren wir für kurze Zeit das Bewusstsein. Ggf. können wir uns auch für einige Zeit nicht an Dinge erinnern.

Die Überfunktion zeichnet sich durch eine ungesteuerte Entladung des Gehirns aus. , die einen Krampfanfall darstellt. Als akute Krankheit finden wir den Krampfanfall z.B. häufig bei Hirnhautentzündungen.

Im Bild der Blitzlichter kann man sich vorstellen, dass alle Blitze gleichzeitig gezündet werden. Dies hat zur Folge, dass im Anschluß an das zu helle Licht (Symptome des Anfalls) alle Blitze leer sind und sich erst wieder aufladen müssen. Dies zeigt sich als Nachschlaf nach einem Anfall. Das Gehirn selbst kann keine Kopfschmerzen verursachen. Das Gehirn selbst hat keine Empfänger für Schmerzreize.

Dr. med. Barbara Schuler
Köln