Wer kennt das nicht: Permanente Reize, hohes Tempo, wenig Pausen. Der Daumen scrollt. Augen und Ohren verlieren sich im digitalen Sinnesrausch. Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit immer »an«, aber nie wirklich dabei. Irgendwann sind die Akkus leer. Der Rücken schmerzt. Der Schlaf wird schlecht. Die Stimmung kippt von einem Moment zum anderen. Wir fühlen uns leicht reizbar und überfordert. Was hier wirkt, nennt man »chronisch variablen Stress«.
Die beiden Autoren bieten ein praxisnahes Selbsthilfebuch an, das Lesern hilft, über die Polyvagaltheorie Stress und Überforderung wahrzunehmen und durch einfache Übungen Sicherheit und Stabilität zu finden.
Ausgehend von Anweisungen zur Selbstwahrnehmung wie etwa Herzschlag/-rhythmus werden – je nach Ursache und körperlichen und mentalen Symptomen – Übungen in kleinen Schritten erklärt. Dies sind z. B. Atemübungen bestimmter Muskeln und Augenübungen. Ziel ist dabei, wieder in den »Sicherheitsmodus« zu kommen.
Herbert und Larissa Grassmann gehen aber noch einen Schritt weiter, den der Selbstregulierung: sich unter akuter Belastung entspannen.
In ihrem »PHV-Notfallkoffer« zeigen sie für bestimmte Anzeichen von Störungen des Nervensystems (z. B. schlechter Schlaf, Herzrasen, Reizbarkeit oder schlicht kognitive Erschöpfung), wie man mit entsprechenden Übungen aus dem »Überlebensmodus« wieder in den »Sicherheitsmodus« kommt, sog. »SOS-Übungen« zur Selbstregulation.
Am Beispiel Panik:
- Rhythmisches Gehen
- Blickstabilisation
- Selbstumarmung
- Gemeinsames Atmen (Partnerübung)
- Fersen pressen
Zur Theorie:
Die Polyvagaltheorie (PVT) ist eine Sammlung von evolutionären, neurowissenschaftlichen und psychologischen Konstrukten, die die Rolle des Vagusnervs bei der Emotionsregulation, sozialen Bindungen und Angstreaktionen beschreiben. Sie ist bei einigen Klinikern und Patienten beliebt. Allerdings werden mehrere Aspekte der Theorie aufgrund ihrer Widersprüche zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stark kritisiert (siehe auch Wikipedia zu »Polyvagaltheorie«).
Fazit:
Es ist ein Praxisbuch, das ausführlich einzelne Übungen beschreibt, die für die jeweiligen Stresssituationen empfohlen werden. Ziel ist die Selbstregulation bei Störungen durch äußere Einflussfaktoren. Die Kritik an den theoretischen Grundlagen kann man vernachlässigen, denn die Übungen selbst finden sich schließlich auch in ganzheitlichen Körperschulen wie Yoga und anderen asiatischen »Trainings« oder gar beim gerade angesagten Breathworking. Und wer die Erfahrung macht, dass die Übungen helfen, der wird und sollte dabeibleiben.
Thomas Odewald

