Studie »Pflegeschätze«
Sachkompetenz und Innovationskraft pflegender Eltern gezielt in der Selbsthilfe nutzen
Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt Pflegeschätze wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Sozialarbeit (TH Köln), angewandte Pflegewissenschaft (Hochschule München), Informationstechnologie (TU Darmstadt), der bvkm e. V. und das Sozialwirtschaftsunternehmen ProLog arbeiten in diesem Projekt zusammen mit Eltern und Sorgegemeinschaften von Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf.
Es geht dabei vorrangig darum, die Lebensqualität von Eltern von Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf zu verbessern. Das soll unter anderem dadurch erreicht werden, indem Eltern durch speziell entwickelte Methoden in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden und sich als kompetent erleben.
Eltern eines Kindes mit erhöhtem Unterstützungsbedarf haben oft neue Strategien entwickelt, um mit ihren Alltagsherausforderungen umzugehen. Im Projekt werden diese Ideen Pflegeschätze genannt. Ein Pflegeschatz kann z. B. sein, dass man Schwimmnudeln an Möbeln anbringt, um ein sturzgefährdetes Kind vor Verletzung zu schützen, oder die Nutzung einer speziell genähten Hose für Kinder, die im Rollstuhl sitzen. Es wird angenommen, dass Eltern bei der Pflegeschatzsuche Selbstwirksamkeit erfahren. Eltern, die bereits teilgenommen haben, berichten danach häufig, dass sie von sich selbst überrascht waren, welch gute Ideen sie entwickeln, um den Familienalltag zu meistern. Sie erleben sich als kompetent und kreativ, was langfristig die Lebensqualität der Familien verbessern kann. Die Schatzsuchen werden zum Beispiel durch Interviews mit den Eltern realisiert oder durch Pflegeschatz-Workshops, bei denen mit kreativen Methoden zur Lösungsfindung Pflegeschätze sichtbar gemacht oder generiert werden.
Im Laufe des Projekts wird eine interaktive Plattform entwickelt, auf der Pflegeschätze in einem virtuellen, co-kreativen Raum gesucht, gefunden und weiterentwickelt werden können. Auf dieser Plattform sollen im weiteren Projektverlauf Pflegeschätze eingestellt und ausgetauscht werden können. Eine wissenschaftliche Evaluation der Hochschule München (LQ-Studie) untersucht die Wirkung der digitalen und methodengestützten Pflegeschatzsuche.
Mitmachen können alle Eltern oder pflegende Angehörigen, die ein Kind mit einem erhöhten Unterstützungsbedarf versorgen, unabhängig davon, ob dieser durch eine körperliche, geistige oder psychische Erkrankung bzw. Behinderung entsteht. Beim Nachweis erwünschter Wirkungen auf die Gesundheit und die Entlastung der Eltern oder auf die Lebensqualität der Familien besteht die Möglichkeit, dass die Pflegeschatzsuche über die Projektlaufzeit hinaus gefördert wird. Die Ergebnisse der Studie können außerdem dazu beitragen, in gesellschaftspolitischen Diskussionen zu argumentieren. Für statistisch robuste Wirkungsnachweise muss eine große Studiengruppe untersucht werden, sowohl vor Teilnahme an einer Pflegeschatzsuche als auch danach – bestenfalls von derselben Person zweimal.
Bis zum 1. Februar 2025, dem ersten Stichtag der Erhebung, haben bereits 217 Eltern und pflegende Angehörige an der Studie teilgenommen.
Allein die erste Erhebung hat bereits sehr viele interessante Tendenzen zum Vorschein gebracht. Die Ergebnisse sind noch nicht vollständig ausgewertet, aber ein erster Einblick scheint Folgendes zu zeigen:
- 84 % der Teilnehmenden sind Frauen und Mütter der Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. Etwa die Hälfte ist Teilzeit, mindestens zu 50 %, erwerbstätig. Etwa 15 % arbeiten sogar in Vollzeitstellen.
- Circa 70 % der Teilnehmenden geben an, mehr als 35 Stunden pro Woche für die Betreuung ihres Kindes aufzuwenden. Das ist fast ein Vollzeitjob.
- Am meisten belastet und nervt die Teilnehmenden (über 80 %) die Bürokratie (z. B. Anträge und Schriftverkehr mit Behörden).
- Umfangreiche Freitextantworten (z. B. zu Erfahrungen der Diskriminierung) versprechen interessante und brisante Erkenntnisse nach inhaltsanalytischer Auswertung.
- Etwa ein Drittel der Befragten gibt an, über 1.000 EUR für die medizinisch-pflegerische Versorgung ihres Kindes aus eigener Tasche pro Jahr auszugeben. In den Kommentaren finden sich wichtige Detailinformationen, wie etwa dass barrierearmes Wohnen und Therapien (z. B. Hydro-, Logo-, Physiotherapie) u. a. von den Eltern zusätzlich bezahlt werden.
Wir berichten weiter über die Ergebnisse, sobald diese ausgewertet und wissenschaftlich veröffentlicht wurden.
Nun sind wir gespannt, was bei der zweiten Erhebung herauskommt. Wenn Sie bei der Studie, bei einer Pflegeschatzsuche oder bei beidem mitmachen möchten, melden Sie sich gerne beim Pflegeschätze-Team der Hochschule München.
Das Pflegeschätze-Team
der Hochschule München
Kontakt:
Prof. Dr. rer. medic.
Astrid Herold-Majumdar
Britta Darchinger
Judith Gebhardt
Pflegeschätze-Team
Hochschule für angewandte Wissenschaften München
Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften
Campus Pasing
Am Stadtpark 20
81243 München
pflegeschaetze-fk11(at)hm(dot)edu