Festhalten und Loslassen - aus Elternsicht

- aus Elternsicht

Im Laufe des Lebens gibt es immer wieder Phasen, in denen Kinder sich ein Stück aus der Abhängigkeit von ihren Eltern loslösen. Angefangen bei der Geburt über Abstillen, erster Kita-Besuch, Schuleintritt und Schulabschluss…. Die erste Nacht bei Freunden verbringen, der erste Urlaub ohne Eltern, es gibt viele kleine und größere Ereignisse, die Meilensteine auf dem Weg unserer Kinder in die Selbstständigkeit sind. Die wohl „denkwürdigste“ Phase der Ablösung findet in der Pubertät statt.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihre eigene Jugend? Wir blöd waren doch die Erwachsenen damals und wie ungerecht die Welt, die nicht sehen wollte, wie großartig wir alles alleine regeln konnten, alles besser machen wollten… Mehr oder weniger heftig kämpfend haben wir damals gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen.

Als Mutter habe ich diese Phase bei meinen Söhnen sehr unterschiedlich erlebt. Der Ältere, introvertiert und zurückhaltend, hat viel mit sich alleine ausgemacht. Ich konnte mich zurücklehnen und zuschauen, wie er Schritt für Schritt selbstständiger wurde. Der Jüngere, von Anfang an viel temperamentvoller als sein Bruder, lieferte mir bühnenreife Auseinandersetzungen. Da er mit 14 eine komplex-fokale Epilepsie mit sekundär generalisierten Anfällen entwickelte, schwankte ich zwischen übermäßiger Kontrolle und einer Art „Laissez faire“. Es ist für keine Mutter leicht, zuzusehen, wie ihr Kind auf der Erde liegt und zuckt, Platzwunden und blaue Flecken inklusive, oder auszuhalten, dass die Tabletteneinnahme nicht so klappt, wenn er das selbst macht.

Sein Ausbildungsweg glich einer Schlangenlinie: Vom Gymnasium auf die Realschule (Hauptschulabschluss), danach ein ökologisches Jahr in der Kölner Flora und die Einsicht, dass das Leben eines Arbeitnehmers vielleicht doch noch etwas warten könnte. Es folgte eine berufliche Eignungsabklärung im Berufsbildungswerk (BBW) Bethel, danach der Realschulabschluss bei der Volkshochschule, ein Praktikum bei einem Theaterprojekt für junge Arbeitslose und eine berufsvorbereitende Maßnahme im BBW Bethel. Als er mit 21 an einem SUDEP (weitere Infos siehe SUDEP) verstarb, war er definitiv auf einem guten Weg in die Selbstständigkeit, lebte unter der Woche im BBW Bethel und sollte dort seine Ausbildung im Metallbereich machen. Er fühlte sich wohl dort und hatte eine Tätigkeit gefunden, die ihm sehr viel Spaß machte.

Auch wenn es zuerst schwierig und kompliziert erscheinen mag, es gibt viele verschiedene Informations- und Unterstützungsmöglichkeiten für Familien mit epilepsiebetroffenen Kindern und Jugendlichen. Leider gibt es immer noch keine flächendeckende Versorgung mit Epilepsieberatungsstellen, die Eltern und Jugendlichen als Lotsen im Behörden-Hilfe-Dschungel dienen können.

Wie viel anders stellt sich die Situation in den Familien dar, deren Kinder kein eigenständiges Leben werden führen können, weil sie geistig und auch körperlich nicht dazu in der Lage sind. Sollen sie möglichst lange in der Familie leben oder als junge Erwachsene in ein Wohnheim oder ein betreutes Wohnen ziehen? Wie sieht die finanzielle Absicherung für diese jungen Leute aus? Was ist, wenn die Eltern selbst pflegebedürftig werden? In der Beratung habe ich die unterschiedlichsten Modelle kennengelernt. Eltern, die den Auszug ihrer Kinder minutiös planen und organisieren, weil sie wissen, dass auch junge Menschen mit Einschränkungen andere Gleichaltrige um sich herum brauchen. Eltern, die schon hochbetagt sind und deren Kinder (fast so alt wie ich) noch immer bei Mama im Bett schlafen, weil diese Angst hat, einen Anfall zu verpassen.

Ich kann nur raten, für behinderte Kinder rechtzeitig Vorsorge zu treffen und den weiteren Lebensweg dann zu planen, wenn man als Eltern selbst noch dazu in der Lage ist, die beste Wohnmöglichkeit und Betreuung für sein Kind zu organisieren. Auch wir Eltern werden älter und es ist sehr problematisch, ein „Kind“, das schon 30, 40 oder 50 Jahre alt ist, in eine andere Umgebung zu verpflanzen. Zum einen, weil es schwierig ist, kurzfristig geeignete Plätze zu finden, zum anderen, weil es den „Kindern“ auch schwerer fällt, sich neu einzugewöhnen.

Jedes Kind, jeder Jugendlicher ist ein Unikat und genauso einzigartig wird auch sein Weg ins Erwachsenenleben sein. Haben Sie den Mut, Ihr Kind dabei zu begleiten, erwachsen werden muss es alleine. Ich wünsche Ihnen viel Frustrationsresistenz, es lohnt sich!

Susanne Fey